
Erwin Dominik Osen (?), Egon Schiele und Anton Peschka in Krumau, 1910, Foto:
Wien Museum © Privatarchiv
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Aus den Nachlasskorrespondenzen der Familie Schiele-Peschka
Lebenslinien
Die historische, kunst- und kulturwissenschaftliche Bedeutung des Korpus an Texten, Schriftstücken, Dokumenten und Korrespondenzen im Nachlass von Anton Peschka jun. (1914–1997) erklärt sich – wie die der Nachlasssammlung an Kunstwerken und Objekten – aus seinem Kontext: der Beziehung zu Egon Schiele (1890–1918).
Die Lebenslinien im umfangreichen Peschka-Nachlass beginnen bei Karl Ludwig (1817–1862) und Luise Schiele (1825–1890), den Großeltern von Egon und seiner Schwester Gertrude Schiele („Gerti“, verehelichte Peschka, 1894–1981); und sie erstrecken sich bis zu den Kindern von Gerti und Anton Peschka (1885–1940), der „kleinen“ Gerti (1913–1944), Anton jun., Susi (1920–2011) und Egon (1928–1994). Die Korrespondenzen der Familie wären ohne die Nachlassgabe durch Anton Peschka jun. an das Wien Museum vermutlich nie der Öffentlichkeit zugänglich geworden. Ihre Bedeutung ist allerdings groß, denn der Briefwechsel und die Vielzahl an Ansichtskarten dienen als wichtige Quellen zu der familiären Nähe der Peschkas zu Egon Schiele und zu den facettenreichen Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern.
Für die Forschung bedeuten die Dokumente neue Quellen. Ein zentraler Ankerpunkt für die Schiele-Forschung ist die Egon Schiele Datenbank der Autografen (ESDA). Hier werden Dokumente von unterschiedlichen Institutionen, wie Museen, Archiven, Bibliotheken, Galerien und Sammlungen erfasst und zum Teil publiziert. Im Zusammenspiel mit den bis dato bekannten Quellen kann der Peschka-Nachlass helfen, neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern.
Alle hier zitierten Nachlasstexte wurden in den Originalschreibweisen transkribiert, Ausschnitte sind durch Auslassungen gekennzeichnet. Das Augenmerk in der Auswahl der Textzitate galt dem Kunstaspekt.
Gerti an Anton Peschka, 7.10.1916 (Brief)
„Mir macht es ein besonderes Vergnügen auf einem schönen Briefpapier mit guter Feder zu schreiben. “
Die jüngere Schiele-Schwester Gerti führte mit ihrem Mann Anton Peschka über viele Jahre eine „Fernbeziehung“, vor und am Beginn ihrer Heirat wohnten sie nicht zusammen, sondern jeweils bei ihren Familien; Anton Peschka, Studienkollege und Künstlerfreund Egon Schieles, war wie dieser in den Ersten Weltkrieg eingerückt. Die Familie bildet den Grundtenor in der Briefsammlung der Peschkas, die Schriftstücke umkreisen Familienthemen, Eigenständigkeit und Abgrenzung – was finanzielle Absicherung und gesellschaftliche Anerkennung betrifft. Ihre Korrespondenzen sind verschriftlichte Stimmen, sie halten Gefühlslagen, Gedanken und Ideen fest. Sie beschreiben und kommentieren das Leben, den Alltag, erzählen von sich verändernden menschlichen Beziehungen. Oft geht es darin um den Ausnahmekünstler Egon Schiele und den Vergleich mit ihm.
Anton an Gerti Peschka, 12.10.1916 (Brief)
„Egon schrieb zur selben Zeit, daß ihn die Schweiz einladet und andere Neukünstler zu einer Ausstellung in Zürich! – Wie grämte ich mich – wie beneidete ich den Glücklichen!“
Die Schiele-Peschkas schrieben einander oft. Es wurde gratuliert und angekündigt, von Reisen berichtet, aus getrennten Wohnungen oder während des Ersten Weltkriegs korrespondiert. Die Textdokumente sind privat, persönlich und berührend. Ein zweites Grundvokabel in den Korrespondenzen ist die Kunst. Egon Schiele hatte seinem Schwager empfohlen, Die Aktion, die Berliner „Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst“ zu abonnieren, die bereits Zeichnungen von Schiele veröffentlicht hatte, und auch Peschka hoffte auf eine Zusammenarbeit.
Anton an Gerti Peschka, 1.1.1917 (Karte)
„Habe von Der Aktion die auch Egon hat einige Karten werde diese dir senden! Es gefällt mir meist nicht, gar nicht, dieses Zeug! – Egons Zeichnungen sind noch am besten von allen! – Na Du wirst ja selbst sehen!“

Gerti an Anton Peschka, 26.1.1917 (Brief)
„[…] Du sagtest ja selber du wirst dich von Egon abschließen müssen, ich weiß du meinst von seiner Kunst, du willst dich an anderes halten als Schiele und Klimt, aber der direkte Verkehr mit ihm wird gerade so ungesund sein da wir mit unseren Mitteln mit seinen Größenwahnsinnigen Ideen nicht Schritt halten können. Besser ist klein anfangen u. allmählich größer werden als groß tun u. dabei nichts zu nagen haben. […]“
Anton an Gerti Peschka, 3.2.1917 (Karte)
„Für mich bedeutet das als Künstler sehr viel, den es sind wirklich die berühmtesten jungen Künstler nicht Maler darinnen vertrethen! – Ich habe auch sehr große Freude empfunden daß in dem mir fremden Berlin eine Gruppe moderner Menschen sich für mich interessiert wo doch in Wien ich fortwährend auf Schwierigkeiten stieß! […] Neben Egon und den Neukünstlern zu stehen war immer meine Sehnsucht aber ohne seinen Einfluß und seine Hilfe!“
Aus den Schreiben wird deutlich, wie verschieden sich die Künstlerleben und -schicksale von Egon Schiele und seinem Schwager Anton Peschka entwickelten. Durch die Schwäger war Kunst allgegenwärtig in der Familie Schiele-Peschka, sie wurde gewissermaßen zum Ideal: Familienmitglieder versuchten sich gleichfalls künstlerisch, als Beleg dafür findet sich eine große Zahl an Kinderzeichnungen im Nachlass. Die Familie stand Modell, Egon Schiele hatte seine Schwester, wie später auch deren beiden ältere Kinder porträtiert – die Familie wurde zu einem zentralen Motiv in seinem Schaffen. Werktitel mit Begriffen wie „Mutter“, „Kind“, „Paar“, „Umarmung“ und „Tod“ geben die Auseinandersetzung mit der menschlich-sozialen Existenz in ihrer Dringlichkeit wieder.

Gerti an Anton Peschka, 7.5.1918 (Brief)
„Vielleicht erreichst du in Wien was, wegen Enthebung von Frontdienst. Egon ist schon im Heeresmuseum. Ich fahre wöchentlich einmal zu ihn jetzt mit Bubi da er ihn porträtiert. Sprechend ähnlich ist Bubsch schon. Egon gibt mir immer 10 K 3mal schon aber alles geht auf für Lebensmittel.“

Egon Schiele und seine schwangere Ehefrau Edith verstarben nur wenige Tage hintereinander Ende Oktober 1918 an der spanischen Grippe, die in Europa grassierte. Gerti, ihre und Anton Peschkas Kinder, sowie ihre Mutter Marie Schiele (1862–1935) verbrachten die harte Zeit nach Kriegsende im oberösterreichischen Kandlschlag. Anton Peschka arbeitete währenddessen in Wien, um für den schwierig zu bestreitenden Lebensunterhalt aufzukommen. Erst ab Mitte der 1920er Jahre lebte die Kleinfamilie zusammen in einer Künstlersiedlung in Wien-Speising.

Das erste Kind von Gerti und Anton, die „kleine“ Gerti Peschka blieb in der Schiele-Forschung bis auf jüngste erste Recherchen (s. Jesse, Kallir, 2025, S. 24, 38) unbeachtet. Im Nachlass kann ihr Leben erstmals in mehr Details nachvollzogen werden. Egon Schieles zeichnete und porträtiert sie wie viele andere Familienmitglieder. Weil sie noch vor der Eheschließung Gertis und Antons geboren wurde, wuchs sie zunächst bei den Großeltern väterlicherseits auf.
Gerti an Anton Peschka, 4.1.1917 (Postkarte)
„Gerti! Das Friedensengerl! – […] Dieses Kindl ist doch ein wunderbares Werk Egons! – Ich finde daß er sich bedeutend mäßigte! – Fast akademisch muthet er mich an! – Professor Griepenkerl zeichnete genau so!“
Ein besonderes Objekt aus dem Peschka-Nachlass, das Familie und die Thematik Mutter-Kind eindrücklich darstellt, ist das berühmte Gemälde „Junge Mutter“ (1914) von Egon Schiele. Es war ein Hochzeitsgeschenk für seine Schwester Gerti, war in Brüssel ausgestellt, und konnte wegen des Krieges erst 1917 an die Familie retourniert werden. Erkenntnisse der Forschung zeigen, dass in seiner ursprünglichen Fassung zwei Kinder – eines an jeder Seite der Mutter – dargestellt wurden. Im finalen Werk war einer der beiden Kinderköpfe übermalt und Betrachter:innen sehen eine Frauenfigur mit nur einem Kind. Im Zusammenhang mit den nun vorhandenen Dokumenten zur „kleinen Gerti“, dem ersten, unehelichen Kind des Peschka-Paares, kann auch die Hintergrundgeschichte dieses zentralen Werks von Schiele neu gelesen werden.
Anton an Gerti Peschka, 19.1.1917 (Postkarte)
„Egon hat mir Brief geschrieben. Sehr langen! – Du sollst das Bild [Junge Mutter] abholen lassen! – Wieso weiß Egon schon, daß ich seine Zeichnungen in der Aktion so akademisch wie von Griepenkerl bezeichnete?“

Hinweise:

Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus Marie Grubers Artikel im Ausstellungskatalog. Die Publikation „Schiele & Peschka. Eine Familienaufstellung” ist bei Müry Salzmann erschienen und im Museumsshop sowie im Buchhandel erhältlich.
Die Ausstellung „Schiele & Peschka. Eine Familienaufstellung” ist vom 30. April bis zum 27. September 2026 im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen.
Literatur und Quellen:
Christian Bauer (Hg.): Egon Schiele. Der Anfang / The Beginning (zu der gleichnamigen Präsentation des Egon Schiele Museums Tulln), München 2013.
Egon Schiele Datenbank der Autografen (ESDA), https://www.egonschiele.at/de
Kerstin Jesse, Jane Kallir, Hans-Peter Wipplinger (Hg.): Zeiten des Umbruchs. Egon Schiele. Letzte Jahre 1914–1918 (Ausstellungskatalog Leopold Museum), Köln 2025.
Jane Kallir: Egon Schiele. The Complete Works, New York 1998
Christian M. Nebehay: Egon Schiele. 1890–1918. Leben, Briefe, Gedichte (Veröffentlichung der Albertina Nr. 13, hg. v. Graphische Sammlung Albertina), Salzburg/Wien 1979.
Salzburg Museum (Hg.): Faistauer, Schiele, Harta & Co – Malerei verbindet. Das Belvedere zu Gast im Salzburg Museum (Ausstellungskatalog Salzburg Museum), Salzburg 2019.
Elisabeth von Samsonow (Hg.): Egon Schiele als Sammler. Bücher und Objekte aus dem Nachlass, Weitra 2016.
Thomas Stangl: Anton Peschka (1885–1940) im Wien Museum: Biografie, Werk und Maltechnik im Umfeld Egon Schieles. Diplomarbeit (nicht veröffentlicht), Universität für angewandte Kunst Wien 2025.





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