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Martina Nußbaumer, Sándor Békési, Marina Paric, 15.7.2026

Das Donauinselmodell und seine Restaurierung

Der Lido von Wien

Die Donauinsel war nicht sofort beliebt bei den Wiener:innen. Dazu brauchte es Überzeugungsarbeit seitens der Stadtregierung. Ein elf Meter langes Insel-Modell war eine der Werbemaßnahmen. Für die aktuelle Ausstellung im Wien Museum wurde es aus dem Depot geholt und restauriert!

Als der Wiener Gemeinderat 1969 mit den Stimmen von SPÖ und FPÖ den Beschluss zum Bau des neuen Hochwasserschutzes in Form von Donauinsel und Neuer Donau fasste, erregte dies viel öffentliche Kritik aus unterschiedlichen Lagern. Die riss auch bis zum Baubeginn 1972 nicht ab. Die Stadt Wien reagierte einerseits mit der Ausschreibung des Wettbewerbs „Donaubereich Wien“ 1973, dessen Ziel es war, „die ökologische, ästhetische und nutzungsmäßige Qualität der Hochwasser-Schutzmaßnahme zu verbessern“ (Thomas Sieverts, Mitglied der Wettbewerbsjury, 1988). Andererseits setzte die Stadtregierung auf verstärkte Öffentlichkeitsarbeit: Zahlreiche Broschüren, Wandzeitungen, Filme sowie eine Ausstellung im Wiener Messepalast betonten in den Folgejahren die Modernität des neuen Wiener Hochwasserschutzes und machten Werbung für das entstehende Freizeit- und Erholungsgebiet, „das seinesgleichen in den Großstädten der Welt sucht“. Der „Lido von Wien“ sollte, so die Botschaft, die Reise an den Neusiedler See und die Riviera ersetzen und den Wiener:innen „Urlaub zwischendurch“ ermöglichen – ohne dafür ins Reisebüro gehen zu müssen.

Diese PR-Strategie dürfte – gemeinsam mit der zunehmenden Akzeptanz der Planungsergebnisse des von 1973 bis 1977 laufenden Wettbewerbs – wesentlich dazu beitragen haben, bis Anfang der 1980er Jahre die öffentliche Debatte zu entpolitisieren und ein überwiegend positives Image der Insel in der medialen Berichterstattung zu erzeugen. 

Zugleich versuchte die Stadt mit ihren Publikationen auch die Nutzung des neuen Areals zu steuern: Folder und Karten informierten über die Erreichbarkeit und Freizeitangebote auf bereits fertiggestellten Teilabschnitten, während an anderen Stellen die Bauarbeiten noch voll im Gange waren. Viele Stadtbewohner:innen nahmen aber auch schon während des Baus ganz ohne die Hilfe offizieller Broschüren die Insel in Besitz und befanden vor allem die neu entstehenden Bademöglichkeiten an der Neuen Donau als geeignet für ihre Freizeit – das dürfte ebenfalls zum Meinungsumschwung beigetragen haben.

Ein elf Meter langes Modell als Publikumsmagnet

Eine wesentliche Rolle im Wandel vom negativen zum positiven Image der Donauinsel in den Medien spielte die Ausstellung „Wien an die Donau“, die von Juni bis Dezember 1979 im Messepalast, dem heutigen Museumsquartier, zu sehen war. 

Die Stadt Wien präsentierte dort der Öffentlichkeit die aktuellen Planungen zur Gestaltung der Donauinsel und der Neuen Donau. Auf Fragebögen konnten die Besucher:innen vor Ort „Anregungen und Wünsche“ im Hinblick auf die weitere Gestaltung der Donauinsel bekannt geben; zu den Hauptanliegen zählten mehr Parkplätze und eine bessere Erschließung durch öffentliche Verkehrsmittel sowie mehr Bäume, WC-Anlagen und Trinkwasserbrunnen. Die Vorschläge sollten den zuständigen Gremien vorgelegt und „so weit wie möglich“ umgesetzt werden. Kritiker sahen in der Umfrage allerdings lediglich eine „scheinpartizipatorische“ Befragung, die eine Mitbestimmung der Bevölkerung beim Projekt suggerieren sollte.

Ein zentrales Objekt der Schau bildete ein elf Meter langes Modell des Wiener Donauraums im Maßstab von 1:2.000, gebaut von der Planungsgruppe Erwin Christoph/Hannes Lintl. Damit sollte auf Basis des Leitprojektes die Linienführung der Neuen Donau, die Ausbildung der Uferbereiche inklusive Böschungsneigungen und die Inseloberfläche mit der geplanten Bepflanzung veranschaulicht werden. Aber auch andere wichtige, begleitende Bauvorhaben im Donaubereich wie die Donauuferautobahn A22 waren hier bereits integriert. Das Modell wurde im Zuge einer größeren Übernahmeaktion von Objekten der Wiener Stadtplanung im Jahr 2008 fürs Wien Museum erworben und blieb so erhalten. Es hat auch in der aktuellen Ausstellung „Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum“ einen besonderen Platz – und vor allem viel Raum – bekommen. Nach Jahrzehnten in verschiedenen Depots musste es davor aber erst wieder restauriert werden.

Wie man bei einem Objekt dieser Größenordnung vorgeht, erzählt die Restauratorin Marina Paric im folgenden Interview.

Redaktion

Was war deine erste Reaktion, als du gehört hast, dass du ein elf Meter langes Objekt zur Bearbeitung bekommst?

Marina Paric

Ich habe mich gefreut! Oft mache ich kleinere Objekt-Restaurierungen oder ich reinige Objekte. Ein Großobjekt bringt andere Herausforderungen und mir gefällt die Komplexität dieser Projekte. Bei dem Modell wusste ich anfangs auch gar nicht, wie es aussieht, weil es im Depot in Himberg gelagert, aber bei uns nie zusammengebaut war. Das haben wir dann vor zwei Jahren erstmals gemacht, damit die Kuratorin Martina Nußbaumer und der Kurator Sándor Békesi es sich ansehen und entscheiden konnten, ob es in die Ausstellung passen würde.

RED

Wenn ich dein Büro hier im Museum am Karlsplatz sehe, frage ich mich, wie hast du das Modell hier reingebracht und daran gearbeitet?

MP

Das Modell besteht aus 15 Platten. Diese habe ich im Schwerlastregal gelagert. Du siehst, da lehnt noch Holz an der Wand daneben. Damit habe ich mir provisorisch weitere Regalebenen gebaut, und so ist sich das dann ausgegangen – aber die Werkstatt war damit blockiert, andere Objekte hatten keinen Platz mehr.

RED

Wie lange hat die Restaurierung gedauert?

MP

Alles zusammengenommen, vom Transport über Besprechungen bis hin zur Auswahl von passenden Holzkügelchen und Styropor, waren es zirka 600 Stunden. Mich hat bei der Arbeit die Praktikantin Marlis Nekula unterstützt.

RED

Du hattest es viel mit Styropor, Plexiglas und Co. bei der Restaurierung des Modells zu tun. In der Objektrestaurierung geht es aber normalerweise eher um Kristallglas oder Edelmetalle. Ist es seltsam für dich, mit diesen billigen Materialien zu arbeiten?

MP

Das ist das Schöne im Wien Museum. Die Sammlung ist nicht ausschließlich auf Kunst ausgelegt, sondern die Objekte sind unglaublich vielfältig. Ich kann mich immer wieder in neue Themen einlesen. Meine skurrilste Erinnerung an eine Restaurierung liegt ein paar Jahre zurück. Das waren eine Kollektion von Kohlestücken der ehemaligen Nordbahn, die für eine Landesausstellung in Niederösterreich entlehnt wurden. Die Kohlestücke wurden wie jedes andere Museumsobjekt behandelt, in Klimakisten transportiert, und ich habe sie vorab gefestigt. Durch solche ungewöhnlichen Aufgaben lerne ich viel und bleibe nie stehen.

RED

Was sind die spezifischen Herausforderungen, die das Donauinsel-Modell und seine Materialien an dich gestellt haben?

MP

Ich habe zum Glück Erfahrung mit Styropor aus meiner Zeit als Assistentin an der Universität für angewandte Kunst und konnte mich daher an die zentrale Problematik erinnern: Es ist schwer zu kleben, weil Styropor so wie viele Kunststoffe nicht lösemittelbeständig ist. Ich habe schon gewusst, welches Mittel sich am besten zum Kleben eignet und habe mir da Zeit für Proben und Tests gespart. 

RED

Der Donauturm hat am Modell gefehlt, wie konntest du den rekonstruieren?

MP

Wir haben gewusst, dass es ihn ursprünglich gab, weil auf einem alten Foto der Schatten des Turms zu sehen ist – der Turm selbst ist auf keiner Dokumentation abgebildet – und es gab Klebereste an der Stelle, wo der Turm einmal war. Weil mir die Referenzen gefehlt haben, habe ich mir den Turm mehr oder weniger ausgedacht. Ich habe mich dabei aber natürlich an dem Stil des gesamten Modells orientiert. Alle Gebäude sind sehr minimalistisch dargestellt. Ich wollte die charakteristische Form abbilden, die man im Kopf hat, wenn man an den Donauturm denkt. Charakteristisch sind die Aussichtsplattform und die Spitze. Um die richtige Form zu finden, waren auch Gespräche mit dem Kurator Sándor Békesi sehr wichtig.

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RED

Welche Materialien hast du gewählt, um den Turm nachzubilden?

MP

Ich habe Plexiglas, Karton und Holz verwendet. Diese Materialien kommen alle auch im restlichen Modell vor. Aber die Spitze des Turms ist eine Nadel… das habe ich improvisiert.

RED

Wie entscheidest du als Restauratorin, wann du einen Teil eines Objekts nachbildest und wann du die historische Leerstelle erhältst?

MP

In der klassischen Restaurierung würde ich keine Nachbildung machen, schon gar nicht ohne Fotos oder genaue Zeichnungen vom Original. In dem Fall war es notwendig, weil der Donauturm so zentral für das ganze Areal und das Modell ist. Deshalb haben wir uns im Team für diesen Schritt entschieden. Und ich finde, es hat sich gelohnt. Jetzt liegt dieses Model auf einem breiten Tisch, kann von allen Seiten betrachtet werden, und ich freue mich besonders, wenn ich durch die Ausstellung gehe und Kinder sehe, wie sie am Tisch mit Zeichenblöcken sitzen und Dinge abmalen. Bei all dem ist mir aber ganz wichtig, klar zu kommunizieren, dass es sich beim Turm um eine Ergänzung und kein Original handelt.

RED

Hast du während den vielen Arbeitsstunden am Modell Lust bekommen, irgendeinen Ort auf der realen Donauinsel zu besuchen?

MP

Ich bin im Sommer oft an der Donau zum Baden und ich habe vor allem im Winter an dem Modell gearbeitet. Da hat mich die Sehnsucht dann schon ein bisschen gepackt. Es war auch schön daran zu arbeiten, weil egal wer in mein Büro gekommen ist, es wurden immer sofort Geschichten über Lieblingsplätze ausgetauscht. Ich habe von vielen neuen Orten gehört, die ich diesen Sommer besuchen werde!

Hinweise:

Das vollständige Kapitel „Imagewerbung für den Lido von Wien“ gibt es in der Publikation „Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum“ zu lesen, hg. Martina Nußbaumer und Ulrike Krippner. Die Publikation ist im Shop des Wien Museums und im Buchhandel erhältlich.

Die Ausstellung „Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum“ ist bis zum 30. August im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen.

Literatur und Quellen:

Wilhelm Kainrath: Donauinsel als Beispiel politischer Planung, in: ders.: Verändert die Stadt. Texte 1971–1986, hg. v. Elisabeth Binder u.a., Wien 1988 (Orig. 1981).

Leopold Redl, Hans Wösendorfer: Die Donauinsel. Ein Beispiel politischer Planung in Wien (Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 3), Wien 1980.

Thomas Sieverts: Die Herausforderung der Ideen – am Beispiel der Planungen für den Donauraum Wien, in: Fritz Hofmann, Jakob Maurer (Hg.): Mut zur Stadt. Erfahrungen mit Wien, Wien 1988, S. 181–194, hier 185.

Stadtplanung Wien (Hg.): Wien an die Donau. Ausstellung der Stadt Wien über Planung und Gestaltung des Donaubereichs, Wien 1979. Gedruckte, nicht paginierte, lose Blätter in Mappe, in: Technische Universität Hauptbibliothek, Sign. 414432 II.

N. N.: Donaubereichs-Ausstellung bis 7. Dezember verlängert, in: Rathauskorrespondenz, 2.11.1979.

Martina Nußbaumer studierte Geschichte, Angewandte Kulturwissenschaften und Kulturmanagement in Graz und Edinburgh und ist seit 2008 Kuratorin im Wien Museum. Ausstellungen, Publikationen und Radiosendungen (Ö1) zu Stadt- und Kulturgeschichte im 19., 20. und 21. Jahrhundert, Geschlechtergeschichte sowie zu Geschichts- und Identitätspolitik.

Sándor Békési studierte Geschichte, Geographie sowie Wissenschaftstheorie und -forschung in Wien und ist seit 2004 Kurator am Wien Museum im Sammlungsbereich Stadtentwicklung und Topografie. Zahlreiche Publikationen und Forschungsarbeiten zum Thema Stadt-, Umwelt- und Verkehrsgeschichte.

Marina Paric, duales Studium an der Universität Dubrovnik und am Institut für Restaurierung Palazzo Spinelli in Florenz, Bachelor Metallkonservierung, Magisterstudium an der Universität für angewandte Kunst Wien am Institut für Konservierung und Restaurierung im Fachbereich Objekt, 2013 bis 2019 als freiberufliche Restauratorin für das Museum für angewandte Kunst Wien tätig, 2014 bis 2022 internationale Restaurierungsprojekte am Patan Durbar Square in Nepal, 2019 bis 2021 Universitätsassistentin an der Universität für angewandte Kunst Wien. Seit 2021 ist sie Objektrestauratorin im Wien Museum.

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