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Andreas Nierhaus, 31.1.2022

Das Lueger-Denkmal von Josef Müllner

Christlichsozialer Personenkult im Roten Wien

Das 1926 enthüllte Denkmal für Karl Lueger ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich: Es war nicht nur das erste Monument, das einen modernen Politiker an der Ringstraße ehrte. Es ist auch das größte Personendenkmal, das seit dem Ende der Monarchie in Wien errichtet wurde, und zählt weltweit zu den größten Denkmälern für ein Stadtoberhaupt. Anlässlich der aktuellen Debatte lohnt sich ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des Bauwerks.

Ein Denkmal wird sichtbar

Noch unter der christlichsozialen Stadtregierung initiiert, konnte das Lueger-Denkmal aufgrund des Ersten Weltkriegs erst 14 Jahre nach dem Wettbewerb im mittlerweile von den Sozialdemokraten regierten Wien fertiggestellt werden. Die lange, wechselvolle Entstehungsgeschichte teilt es indes mit zahlreichen anderen Denkmälern – zumal in Wien, wenn man etwa an das seit nunmehr bald 20 Jahren (und ohne Unterbrechung durch einen Krieg) geplante, bislang nicht realisierte Denkmal für homosexuelle Opfer der NS-Zeit denkt. Wie die meisten anderen Denkmäler entlang der Ringstraße ist auch das Lueger-Denkmal Ausdruck einer Denkmalkultur, die ihre gesellschaftliche Relevanz heute längst eingebüßt hat und durch eine andere Denkmalpolitik ersetzt wurde, die sich weniger der immer fragwürdiger werdenden klassischen „Helden“, als vielmehr der Opfer und Opfergruppen annimmt. Für die meisten konventionellen Monumente, egal welcher Kategorie, mag das viel zitierte Musil’sche Paradoxon von der Unsichtbarkeit der Denkmäler gelten, die sich entgegen der Absichten ihrer Urheber konsequent der Aufmerksamkeit des Publikums entziehen und wie lästige Verkehrshindernisse, im besten Fall aber als dekorativer Aufputz den Stadtraum bevölkern. Das Lueger-Denkmal gehört nicht zu dieser Gruppe – im Gegenteil, es zählt aktuell zu den umstrittensten Denkmälern Europas.

Luegers politische Instrumentalisierung des Antisemitimus war bereits 2009 Anlass zu einem von der Universität für angewandte Kunst initiierten, inoffiziellen Wettbewerb zur Umgestaltung des Denkmals. Das siegreiche Projekt von Klemens Wihlidal sah eine Neigung des gesamten Denkmals um 3,5 Grad „nach Rechts“ vor, wurde jedoch nicht realisiert. Neue Aktualität gewann die Debatte im Zuge der „Black Lives Matter“-Proteste des Jahres 2020, als das Denkmal zum Ziel antidiskriminierender und antirassistischer Aktionen wurde. Nachdem der Sockel mehrfach mit dem Wort „Schande“ besprüht wurde, brachte eine Künstlergruppe um den Bildhauer Eduard Freudmann darauf basierende plastische Schriftzüge an, die kurz darauf von rechtsextremen Aktivisten wieder entfernt wurden. Die sonst in solchen Fällen übliche Reinigung bzw. Restaurierung des Denkmals unterblieb bis dato – vermutlich, weil die intervenierenden Künstler*innen drohten, jeder Versuch einer Reinigung stelle einen weiteren Akt des Antisemitismus dar. Nachdem Stimmen für eine Entfernung des Denkmals laut wurden, stellte die Stadt Wien nun stattdessen eine „künstlerische Kontextualisierung“ in Aussicht. Doch ein solcher Kontext braucht auch einen Text, der mehr zu vermitteln im Stande sein sollte als das plakative und wenig aussagekräftige Wort „Schande“ – und daher ist ein möglichst nüchterner Blick auf die (Kunst-)Geschichte des Denkmals unerlässlich, wenn man sich ernsthaft mit seiner Zukunft auseinandersetzen möchte.

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Personenkult

Um den ursprünglich liberalen, dann christlichsozialen Politiker Karl Lueger wurde früh ein Personenkult etabliert, der nicht nur seine Karriere begleitete und beförderte, sondern auch eine lang anhaltende Popularität begründete, die weit über seinen Tod hinausreichte – bis hinauf zu Hans Moser, der auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1932 vom „Dr. Lueger“ sang, der dereinst dem „braven Steuerträger“ – man achte auf den Reim – die Hand gereicht habe; bis hinauf aber auch in die NS-Zeit, als 1943 mit „Wien 1910“ ein heute verbotener, offen antisemitischer NS-Propagandafilm in die Kinos kam, der die letzten Tage im Leben des von Adolf Hitler bewunderten Bürgermeisters zum Gegenstand hat.

Doch schon zu Lebzeiten war der Kult um den insbesondere auch von Frauen verehrten, unverheirateten Lueger medial weit gespannt und umfasste Fotografien, Ansichtskarten und alle erdenklichen Devotionalien und Reliquien. Dass Lueger schon bald auch bleibende steinerne Denkmäler als Ausdruck eines kollektiven Erinnerungsbedürfnisses errichtet wurden, dürfte in diesem Zusammenhang kaum verwundern. Zum Lueger-Kult siehe den Beitrag von Elisabeth Heimann im Wien Museum Magazin. Noch bevor er sein Amt als Bürgermeister antrat, wurden die ersten Pläne für ein Denkmal gewälzt – damals allerdings noch als Satire in der Zeitschrift „Die Bombe“, die sich angesichts des bevorstehenden 50. Geburtstags Luegers bemüßigt fühlte, eine natürlich fiktive Falschmeldung zu korrigieren: „Es ist unwahr, daß der Eiffelthurm, der bekanntlich dieser Tage zum Verkaufe kam, von den Wiener Antiliberalen mit der Bestimmung erworben wurde, als Postament für ein zu errichtendes Lueger-Denkmal zu dienen (…).“

Die ersten Initiativen für ernst gemeinte Lueger-Denkmäler kamen anlässlich seines 60. Geburtstags 1904 zustande. Das formal außergewöhnlichste und künstlerisch avancierteste ist der Karl-Borromäus-Brunnen im dritten Bezirk. Der Entwurf in Gestalt eines von Putten getragenen Bassins, aus dem ein dreiseitiger Granitobelisk ragt, entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Maler und Bildhauer Josef Engelhart mit dem Architekten Josef Plečnik.

Bereits 1906 war eine überlebensgroße Büste Luegers von Theodor Khuen im Lainzer „Versorgungsheim“ enthüllt worden, die durch Spenden finanziert worden war – ein Umstand, der seitens der Arbeiter-Zeitung prompt kritisiert wurde, nachdem bekannt wurde, dass sich etwa auch die Genossenschaft der Uhrmacher mit einem finanziellen Beitrag beteiligt hatte. Die Verklärung Luegers begann schon zu Lebzeiten: Seine fortschreitende Diabetes-Erkrankung, die im Lauf weniger Jahre zu einem dramatischen körperlichen Verfall führte, ließ den „schönen Karl“ in der offiziellen Bildpolitik zum Schmerzensmann werden – Fotografien, die als Ansichtskarten verbreitet wurden, zeigen ihn beim Kuraufenthalt an der Adria oder auf einen Stock gestützt und von Pflegepersonal begleitet bei seinem „letzten Aufenthalt“ am Semmering.

Erinnerungspolitik

Bereits eine Woche nach Luegers Tod am 10. März 1910 wurde der Vorschlag zur Errichtung eines Denkmals im Rahmen einer Stadtratssitzung formuliert. Es war Teil eines umfassenden, von Seiten der Stadtregierung initiierten Memorialprojektes, das außerdem die Einrichtung eines Lueger-Zimmers im künftigen städtischen Museum (dem heutigen Wien Museum), die Vervielfältigung der letzten Bildnisse, der Totenmaske und eines Abgusses der rechten Hand Luegers, die Gründung einer „Lueger-Stadt“ auf der Schmelz und schließlich die Umbenennung der Landstraßer Hauptstraße in Luegerstraße umfasste. (Der Rathausplatz hieß bereits seit 1907 Dr. Karl Lueger-Platz.) Unklar war zunächst, wo das Denkmal errichtet werden würde – so beantragte die Bezirksvertretung Wieden bereits am 19. März eine Aufstellung vor der Karlskirche, in unmittelbarer Nähe zu Luegers Geburtsort, dem Gebäude der Technischen Hochschule, und in Bezug zu seinem Namenspatron Karl Borromäus.

In der Arbeiter-Zeitung machte man sich am 3. April 1910 über den nunmehr völlig enthemmten Lueger-Kult lustig: „Da gibt es eine Strömung, die dahingeht, daß der Name ‚Wien‘ überhaupt abgeschafft werden soll. Es heißt, er scheine für eine Stadt, in der Lueger gelebt hat, lächerlich. Die Stadt Wien soll ‚Bürgermeister Dr. Karl Borromäus Lueger-Stadt‘ getauft werden. Um den Platz für ein Denkmal sich zu streiten wird als lächerlich erklärt und vorgeschlagen, daß am Anfang und am Ende jeder Gasse ein Lueger-Standbild errichtet werde.“ Die Konkurrenz der Wiener Bezirke um den Aufstellungsort des Lueger-Denkmals war Anlass für die satirische Zeitschrift „Die Glühlichter“, in ihrer Ausgabe vom 9. April 1910 ein fahrbares Lueger-Denkmal vorzuschlagen, „das mittels Lastenautomobils täglich durch alle 21 Bezirke Wiens geführt werden“ sollte. 

Die Spendenaktion

Noch im März wurde in den Zeitungen vom Eintreffen der ersten Spenden für ein Denkmal berichtet, doch erst am 3. Juli wurde der Aufruf des Denkmal-Komitees in den Wiener Zeitungen veröffentlicht. Als Standort war nun der Rathausplatz vorgesehen: „mitten vor diesem Hause, hell und hehr vor ihm ragend, wie er zeitlebens als Führer geleuchtet, inmitten der Reichshaupt- und Residenzstadt, deren Schönheit ihm ebenso sehr wie ihre Wohlfahrt am Herzen lag, soll nun sich sein Standbild erheben.“ Die Spendengelder flossen anfangs nur spärlich. Wie die Arbeiter-Zeitung genüsslich berichtete, waren bis August 1910 lediglich 6271 Kronen gesammelt worden, doch kurz darauf stiegen die Summen rasch beträchtlich an, sodass das Komitee im Dezember 1910 bereits über 163.500 Kronen verfügte.

Mit ein Grund dafür dürften jüdische Großspender gewesen sein, wie aus einem Artikel in der zionistischen „Jüdischen Zeitung“ vom 30. Dezember 1910 hervorgeht. Bereits in den Monaten davor hatte das Blatt immer wieder die Spendenbereitschaft der Wiener Juden ins Visier genommen. Anlässlich des Bekanntwerdens einer Spende der im Besitz der Familien Rothschild und Guttmann stehenden Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft in der Höhe von 1000 Kronen folgte nun unter dem Titel „Eine jüdische Schandsäule“ eine scharfe Kritik: „Bekanntlich sind die Spenden für das Lueger-Denkmal sehr langsam und spärlich eingegangen, und zwar insolange, als nur Christen die Geber waren. Es stand zu befürchten, daß das Denkmal für den großen Bürgermeister sehr klein ausfallen würde. Erst als die Juden sich der Sache angenommen haben, und ‚ohne Unterschied der Konfession‘ gesammelt wurde, begannen die Geldquellen rasch und reichlich zu fließen. (…) erst als die Juden von der Notwendigkeit überzeugt wurden, daß dem tückischen Verleumder ihres Volkes eine grandiose Denksäule gebühre, schwoll der Denkmalfonds mächtig an.“ Das Denkmal, so die Zeitung weiter, werde dereinst weniger dem Andenken Luegers als der Verewigung „jüdischer Schmach und jüdischen Knechtsinnes“ dienen. Die christlichsoziale „Reichspost“ sah sich wenige Tage später zu einer antisemitischen Replik veranlasst und rechtfertigte die jüdischen Spenden damit, dass Luegers „Schöpfungen“ auch der jüdischen Bevölkerung der Stadt zugutekommen würde.

Der Wettbewerb

Obwohl der Denkmalfonds im März 1911 bereits über 234.445 Kronen verfügte, dauerte es noch ein weiteres Jahr, bis am 19. März 1912 die Wettbewerbsausschreibung in der Wiener Zeitung veröffentlicht wurde. Das Denkmal sollte in der Hauptachse des Rathauses errichtet werden, „alle deutschen Künstler, die österreichische Staatsangehörige sind“, waren zur Teilnahme berechtigt – eine bei Wettbewerben in der Monarchie angesichts der Nationalitätenkonflikte damals übliche Einschränkung, die übrigens nichts über die Religionszugehörigkeit aussagte; als Frist für die Einreichung wurde der 31. Oktober 1912 fixiert, die Kosten waren mit 260.000 Kronen limitiert. Der Wettbewerb stand anfangs unter keinem guten Stern: Die Bestimmung, eine Realisierung des Denkmals nicht an das Votum der Jury zu binden, führte zu einer Resolution des Künstlerhauses, sich nicht am Wettbewerb zu beteiligen, und es war bereits von einem „Denkmal-Skandal“ die Rede. Schließlich konnte man sich auf eine Änderung der Bestimmungen einigen. Für den Wettbewerb wurden mehr als 50 Entwürfe eingereicht, und in ihrer letzten Sitzung am 27. November vergab die Jury, vier „erste“ Preise an Ernst Hegenbarth, Josef Müllner, Hans Schwathe und Rudolf Weyr. Allerdings wurde keiner der Entwürfe als zur Ausführung geeignet angesehen, weshalb zunächst die vier Preisträger, später auch sechs mit „ehrenvollen Anerkennungen“ ausgezeichnete Bildhauer zu einem engeren Wettbewerb eingeladen wurden. Die Entwürfe wurden im Schönborn-Palais in der Laudongasse ausgestellt, jene der vier Preisträger in der illustrierten Presse veröffentlicht.

Alle Preisträger stellten erwartungsgemäß ein Standbild Luegers in das Zentrum ihrer Komposition. In Schwathes Entwurf wird Lueger von zwei sitzenden Figuren, einem Gas- und Elektrizitätsarbeiter sowie einer Personifikation des Unterrichts flankiert, das Denkmal umfasst zudem ein Wasserbassin mit sprudelnden Quellen als Hinweis auf die Hochquellwasserleitung. Weyrs Lueger ist von zehn Figuren „aus dem Volk“ (Handwerker, Beamte, Frauen mit Kindern, etc.) umgeben, die ihm eine Ovation bereiten, während im Vordergrund rechts die Personifikation der Vindobona Platz genommen hat. Müllner hob Lueger, im Gehrock mit gebieterisch ausgestreckter Rechten, auf einen hohen Sockel, der mit vier Figuren besetzt war. Sie stellten einen Gasarbeiter, einen Gärtner, eine Mutter mit Kind und einem alten Mann (als Hinweis auf die Altenfürsorge) dar. Hegenbarth schließlich verzichtete auf jegliches allegorisch-symbolische Beiwerk und stellte den Bürgermeister, im langen Mantel mit Stock und Zylinder in der Hand, auf einen kreisrunden Sockel. Die Zeitungen gaben dem vergleichsweise intimen, „volkstümlichen“ Entwurf Weyrs die besten Chancen für eine Realisierung.

Wie erst vor wenigen Jahren bekannt wurde, tat sich Weyr für die zweite Stufe des Wettbewerbs mit keinem Geringeren als Otto Wagner zusammen, wobei dieser gegenüber Weyr auf einem Inkognito bestand, da er im Fall der Nennung seines Namens mit Widerstand gegen ihn rechnete. Wagner hatte unmittelbar nach dem Tod Luegers gegen eine Aufstellung des Denkmals am Rathausplatz argumentiert und einen Standort am Karlsplatz, in der Achse der Wienzeile vorgeschlagen, wo „ein rein bleibendes Monument“ aus „Bronze, Glas, Porzellan und Aluminium“ errichtet werden sollte. Wie wir aus Briefen an seinen Freund Weyr wissen, hatte Wagner nun eine andere Idee, von der er überzeugt war, dass sie „ein Schlager“ sei. Nach zeitgenössischen Beschreibungen zeigte Weyrs und Wagners Entwurf Lueger auf einem Tragsessel sitzend, der auf den Schultern von sechs Männern ruhte. Diese in der Tat ungewöhnliche Darstellung, von der bislang keine Fotografie bekannt geworden ist, fand allerdings nicht das Wohlwollen der Jury. Sie entschied sich für den nur leicht modifizierten Entwurf Müllners mit dem Motto „Früchte bringet das Leben dem Manne“.  Zum politisch umstrittenen Œuvre Müllners siehe den Beitrag von Andreas Nierhaus im Wien Museum Magazin.

Als der siegreiche Entwurf im Juni 1913 in den Wiener Zeitungen auch im Bild veröffentlicht wurde, waren die Meinungen geteilt. Wie im ersten Wettbewerb ist Lueger als Volksredner dargestellt, doch sind nun beide Hände mit der Geste der Beteuerung an die Brust gelegt. Das „interessante Blatt“ wies auf den Zwiespalt zwischen der durch den weiträumigen Aufstellungsort notwendigen Monumentalität und den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln und kritisierte das „Pathos der Pose“ und die steife Haltung des Dargestellten – ein Urteil, dem sich mehrere Blätter anschlossen, das Müllner jedoch zu keinen Änderungen motivieren sollte.

Vom Rathausplatz an die Wollzeile

Josef Müllner machte sich offenbar sofort an die Ausführung des Denkmals, das bis 1917 vollendet werden sollte. Noch im Juli 1913 wurde der Standort auf der Achse zwischen Rathaus und Burgtheater mittels einer Schablone bestimmt, wobei schon damals erste Bedenken gegen eine Aufstellung an diesem Platz laut wurden. Im Juni 1915 waren das Gussmodell der Statue des Bürgermeisters und zwei der Sockelfiguren aus Untersberger Marmor fertiggestellt und konnten vom Denkmalkomitee besichtigt werden. Bis Kriegsende waren die großen Figuren vollendet.

 

Der Erste Weltkrieg verhinderte zunächst die Ausführung der Bronzestatue. In den 1920er-Jahren wurden seitens des Denkmalkomitees mehrere erfolglose Anläufe zu einer neuerlichen Spendenaktion unternommen. Eine Aufstellung auf dem Platz vor dem Rathaus, der noch immer nach Lueger benannt war, wurde im Roten Wien allerdings nicht mehr in Betracht gezogen. Dafür fasste man nun die platzartige Erweiterung bei der Einmündung der Wollzeile in die Ringstraße, eigentlich eine städtebaulich ungelöste „Restfläche“ der Ringstraßenplanung, ins Auge. Es war just jener Ort, an dem mit persönlicher Unterstützung Luegers ursprünglich das Gebäude der Secession errichtet werden sollte, ehe der Bauplatz an der Wienzeile, ebenfalls auf Betreiben des Bürgermeisters, ins Spiel kam. Anfang 1926 berichtete die Reichspost dann von der bevorstehenden Aufstellung des Denkmals, für das aufgrund des hohen Gewichtes umfangreiche Fundierungsarbeiten notwendig waren. Müllners Statuen waren zu jener Zeit bereits seit Jahren vollendet. Am 19. September 1926, vierzehn Jahre nach dem ersten Wettbewerb, fielen schließlich in einem feierlichen Akt die Hüllen um das Denkmal.

Ein monumentaler Anachronismus?

Auf den ersten Blick war das Denkmal am nunmehrigen Dr. Karl Lueger-Platz (der Rathausplatz erhielt zugleich seinen alten Namen zurück) ein monumentaler Anachronismus. Müllner hielt sich bei der Ausführung weitgehend an sein siegreiches Projekt von 1913 und hätte nach 1918 auch kaum mehr Änderungen vornehmen können, da bis dahin alle Steinteile sowie das Gußmodell weitgehend fertiggestellt waren. Der Sockel besteht aus einem mehrfach gestuften Zylinder, in dessen unteren Bereich vier Reliefs eingesetzt sind. Sie zeigen Arbeiter, die Bäume pflanzen, Rohre verlegen und Steinquader schlichten – hier unterstützt von der einzigen nicht allegorisch gemeinten Frau des gesamten Denkmals, einer Arbeiterin, die auf dem Kopf einen Trog mit Mörtel trägt. Im vierten Relief an der Rückseite des Denkmals sind Arbeiter im Sonntagsstaat zu sehen, die Lueger die Hand reichen. Hier hat sich Müllner mit einem Selbstbildnis verewigt.

In der Zone darüber dient der Sockel als Podest für die bereits erwähnten großen allegorischen Figuren – Gasarbeiter, Landarbeiter, Frau mit Kind, Alter Mann –, die zur Bronzestatue Luegers überleiten. Er ist in starrer Haltung im enganliegenden Gehrock als Redner gegeben, das rechte Bein deutet einen leichten Schritt nach vorne an, die beiden Hände sind beteuernd an die Brust, ans Herz gelegt. Der Kopf ist erhoben, der Blick in die Ferne gerichtet, der Mund leicht geöffnet – ein Vater spricht zu seinem Volk.

Müllners „zeitlose“ Formensprache sorgte in Verbindung mit einer denkbar allgemein gehaltenen Ikonographie dafür, dass das Denkmal durchaus den ästhetischen Vorstellungen der neuen sozialdemokratischen Gemeindevertreter entsprochen haben dürfte. Die Darstellungen am Sockel, von den prominent platzierten muskulösen Arbeitern über die Mutter mit Kind bis zum hilfsbedürftigen Alten, hätten auch an den zeitgenössischen Gemeindebauten des Roten Wien gute Figur gemacht. Die in der Themenwahl der Skulpturen zum Ausdruck kommenden kommunalpolitischen Kontinuitäten sprach Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnungsfeierlichkeit direkt an, ohne die grundsätzliche Differenz zu Lueger zu verschweigen. Künftigen Generationen empfahl er, „sich vor diesem Denkmal eines wichtigen Abschnitts in der Geschichte Wiens [zu] erinnern“ – eine Aufforderung, der man vielleicht auch in Zukunft wieder nachkommen kann, wenn die negativen Seiten von Luegers Politik klar benannt und im Kontext des Denkmals auch entsprechend deutlich und künstlerisch adäquat zum Ausdruck gebracht sein werden.

Zum Lueger-Denkmal siehe auch:

Andreas Nierhaus: Mischwesen, Helden, Machtmenschen. Der Bildhauer Josef Müllner

Elisabeth Heimann: Wortgewalt und Bildermacht. 175. Geburtstag von Karl Lueger 

Literatur und Quellen:

Gerhart Kapner: Ringstraßendenkmäler (Die Wiener Ringstraße, Bd. IX/1), Wiesbaden 1973

Maria Pötzl-Malikova: Die Plastik der Ringstraße 1890-1918 (Die Wiener Ringstraße, Bd. IX/2), Wiesbaden 1976

Walter Perko: Der akademische Bildhauer Josef Müllner (1879-1986), Katalogblätter des Rollettmuseums Baden, Nr. 16, Baden 2004

Arpad Weixlgärtner: Josef Müllner, in: Die Kunst für alle, 1918/19, S. 123-134

Der Nachlass Josef Müllners wird im Rollettmuseum in Baden aufbewahrt. Für die Unterstützung bei der Recherche und die Bereitstellung von Bildmaterial möchte ich der Direktorin Dr. Ulrike Scholda herzlich danken. 

Andreas Nierhaus, Kunsthistoriker und Kurator für Architektur und Skulptur im Wien Museum. Forschungsschwerpunkte: Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, Medien der Architektur. Ausstellungen und Publikationen u.a. über die Wiener Werkbundsiedlung, die Ringstraße, Otto Wagner, Richard Neutra und Johann Bernhard Fischer von Erlach.

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Kommentare

Redaktion

Sehr geehrter Herr Hulka, hier eine Rückmeldung von Kurator Werner Michael Schwarz: Es bleiben noch die Denkmäler am Cobenzl und im Krankenhaus Hietzing, die Reliefporträts am Siebenbrunnenplatz und auf der Schule in der Waltergasse im 4. Bezirk, der Obelisk am Mariahilfer Gürtel, die Gedenktafeln an der TU, in der Hamburgerstraße oder der Penzinger Straße. Auch ist eine Wientalbrücke im 14. Bezirk nach ihm benannt und schließlich ist Lueger mindestens in vier Kirchen auf Altarbildern oder Glasfenstern dargestellt, als Stifterfigur, frommer Büßer oder Sterbenskranker (Krankenhauskapelle Lainz, Versorgungsheimkirche Lainz, Kirche am Zentralfriedhof, ehemaliges Seehospiz in Rovinij). Nicht zuletzt ist auch seine Gruft in der Krypta der Kirche am Zentralfriedhof kein unprominenter Platz, wobei diese Ehrung einer Person gilt, die selbst von seinen Förderern und Anhängern aus dem katholischen Lager als nicht besonders fromm angesehen wurde.

Alfred Hulka

Wien hat ein weiteres (erstes) LuegerDenkmal. Wo ist dieses?