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Russel Altamirano und Berthold Molden, 27.5.2026

Das partizipative Projekt Viena Latina

Wie schreibt man Mikrogeschichte?

Die Ausstellung „Viena Latina“ bildet individuelle Erfahrungen von hunderten Menschen ab, die aus Lateinamerika und der Karibik nach Wien gekommen sind. Wie das gelingen kann, was Community Arbeit bedeutet und warum nicht alle mit dem Begriff „Latina“ einverstanden sind, erzählen Russel Altamirano und Berthold Molden. 

Berthold Molden

In der Community Gallery des Wien Museums läuft zurzeit die Ausstellung „Viena Latina. Leben zwischen den Welten“. Sie ist das Ergebnis, oder eigentlich vielmehr der Zwischenstand, eines partizipativen Projekts, das aus Gesprächen mit hunderten Menschen besteht. Zu Wort kommen Personen, die aus Lateinamerika oder der Karibik nach Wien gekommen sind. Unsere Methoden  – etwa Oral-History-Interviews, Photo-Voice-Dokumentation, Georeferenzierung und Archivierung – sind wissenschaftlich, doch das übergeordnete Ziel des Projekts „Viena Latina“ ist anderer Natur: Es geht allem voran um Sichtbarkeit für die Community und darum, Räume zu schaffen, in denen sich die Menschen austauschen, ihre Erfahrungen artikulieren und anderen zugänglich machen können.

Russel Altamirano

Viele der fast 500 beteiligten Personen waren gerührt, dass ihre Geschichte endlich gehört wird, und dass sie andere Menschen finden, die sich damit identifizieren können.

BM

Vielleicht kann man präzisieren, dass es weniger um Unsichtbarkeit als solche geht, sondern darum, wie die Menschen großteils gesehen werden. Sie fühlen sich oft auf Stereotype reduziert: Latinas sind fröhlich, tanzen gut, und essen gerne scharfe Saucen. Im Projekt „Viena Latina“ haben sie es in der Hand, selbst auszuwählen, wie sie ihre Geschichte erzählen möchten.

RA

Dabei ist Vertrauen entscheidend. Wir haben im Projektteam viel Zeit darauf verwendet, Datenschutzordnungen zu erstellen. Bevor ein Interview veröffentlicht wird – selbst wenn das anonym geschieht – haben Citizen Scientists unter Leitung unserer Kollegin Rayen Cornejo jeden Text auf potenziell problematische Stellen geprüft. Die Interviewten wurden auf die Risiken hingewiesen und konnten dann entscheiden, ob Stellen geändert, gestrichen oder genauso veröffentlicht werden sollten.

BM

Die Präsenz von KI-Programmen, die online publizierte Inhalte massiv auswerten können, macht es noch wichtiger, Menschen in prekären Positionen davor zu schützen, sich durch Elemente ihrer eigenen Geschichte in Schwierigkeiten zu bringen. Das ist gerade bei Migrationsbiografien eine große Herausforderung.

RA

Neben der Sichtbarkeit der Biografien geht es auch um die Sichtbarkeit der Orte, an denen sich die Community trifft oder die für ihre Migrationsgeschichte eine relevante Rolle spielen. In Stadtspaziergängen haben unsere Kollegin Carla Bobadilla und ihr Team diese zugänglich gemacht. Teilweise haben sich auch Unternehmer:innen gemeldet, die ihr Ankommen aus Lateinamerika aber gleichzeitig auch ihren Betrieb vorgestellt haben. Sie möchten oftmals nicht nur ihre Erfolgsstory teilen, sondern bieten ihre Location auch gleich als zusätzlichen Treffpunkt für die Community an.

BM

Auch die Ausstellung im Wien Museum ist so ein Ort geworden. Sie bietet eine Fläche zum Austausch innerhalb von Workshops und Führungen, oder auch der individuellen Auseinandersetzung mit den Geschichten bei einem Besuch.

RA

Ich habe nie zuvor so viel Spanisch im Museum gehört wie während der Ausstellungslaufzeit! 

BM

Man darf aber auch die Heterogenität der Gruppe nicht unterschätzen. Im Projekt sind Teilnehmer:innnen aus 20 verschiedenen Herkunftsländern dabei. Manche nationalen Gruppen nehmen sich ganz stark als solche wahr, wie zum Beispiel die Chilen:innen in Wien. Ihr Zusammenhalt beruht auf ihrer Exilgeschichte nach dem Militärputsch in Chile 1973. Menschen aus Kolumbien wiederum kommen aktuell vermehrt durch ein Ausbildungsprogramm für Pflegekräfte nach Wien. Die größte Gruppe in Zahlen ist die brasilianische, und entsprechend ihrer Größe scheint diese noch heterogener zu sein. „Viena Latina“ hat neue Begegnungsräume in und zwischen den Communities geschaffen. 

RA

Die Organisation in Vereinen spielt oft eine Rolle für eine Identifikation nach Nationen. Andere Menschen finden sich dagegen eher in einer übergeordneten Latina-Identität wieder. Und gleichzeitig gibt es nicht wenige, die den Begriff „Latino“ oder „Latina“ an sich kritisieren. Er ist ihnen zu universell bzw. hat historisch auch Menschen ausgeschlossen. Viele Menschen mit indigener Identität fühlen sich davon nicht repräsentiert.

BM

„Latina“ beziehungsweise „lateinamerikanisch“ sind eurozentrische Begriffe mit kolonialem Erbe. Als sich der südamerikanische Kontinent im 19. Jahrhundert dekolonisierte und sich Nationalstaaten bildeten, war es eine Initiative aus Frankreich, den Begriff Lateinamerika zu etablieren. Er sollte eine Identität des Kontinents schaffen, die sich auf Europa bezieht und sich von den USA abgrenzt. Die Vereinigten Staaten begannen in dieser Zeit nämlich zunehmend ihre Hegemonie Richtung Südamerika auszudehnen. Der Entstehungskontext des Begriffs Lateinamerika war also ein geopolitischer Machtkampf.

RA

Trotzdem gibt der Begriff heute zahlreichen Menschen die Möglichkeit, sich als Teil von etwas größerem zu fühlen und bietet eine positive Selbstidentifikation. In Interviews haben Personen immer wieder erzählt, dass sie sich nach ihrem Ankommen in Wien alleine und fremd gefühlt haben. Es sind oft Kleinigkeiten, die diese Gefühle aufkommen lassen, wie laute Musik in der Wohnung hören zu können oder Nachbarn um einen Becher Zucker zu bitten. Das ist in der mexikanischen Community zum Beispiel das Normalste überhaupt, in Wien weiß man aber plötzlich nicht einmal, wer die Nachbarn sind. Zum Teil sind das Stereotype, zum Teil aber auch die Realität. Um ein nuanciertes Bild zu bekommen, muss man genau zuhören.

BM

Neben den Schwierigkeiten in Wien anzukommen, gibt es aber auch positive Bezugnahmen auf die neue Heimatstadt. Sicherheit steht hier an erster Stelle. Vor allem Frauen führen es als zentral an, dass sie sich frei im öffentlichen Raum bewegen können. Auch soziale Sicherheit wie Gesundheitsversorgung, Bibliotheken, freie Kulturangebote, spielen eine wesentliche Rolle. Die Geschichte des Roten Wiens ist dabei nicht außer Acht zu lassen. Die Stadt hat in den letzten hundert Jahren einen hohen Grad an urbaner Solidarität erreicht. Auch in der frühen Phase der Wiener Sozialdemokratie sind schon Intellektuelle aus Lateinamerika angereist, um sich Gemeindebauten und Reformen anzusehen. Sie haben voller Begeisterung Berichte nach Hause geschickt. Heute wissen wir, dass zum Beispiel der mexikanische Städtebau Einflüsse des frühen Wiener Gemeindebaus aufweist.

RA

All dieses Wissen wurde nun von der Community gemeinsam gesammelt. Von Anfang an war „Viena Latina“ partizipativ ausgerichtet, das heißt Teilnehmer:innen konnten Methoden erlernen und zu „Citizen Scientists“ werden. Sie haben in dieser Rolle dann die Interviews geführt, redigiert oder die Stadtspaziergänge entworfen und geleitet. Mit rund 80 Citizen Scientists, 500 Teilnehmer:innen und laufend neuen Interessent:innen ist „Viena Latina“ gut aufgestellt, weiter zu wachsen und Kommunikationsräume zu schaffen.

BM

Das Projekt „Viena Latina“ ist über zwei Jahre gelaufen. Bis Ende Mai bildet die Ausstellung im Wien Museum noch den Abschluss dieser Phase.

RA

Und im Juni übergeben wir als Projektteam die Staffel an einen Verein, der die Arbeit weiterführt.

Hinweise

Die Ausstellung „Viena Latina. Leben zwischen den Welten“ ist vom 5. März bis zum 31. Mai 2026 in der Community Gallery im Wien Museum zu sehen. Eintritt frei. 

Einen Überblick über das gesamte Projekt „Viena Latina“gibt es online in Deutsch, Spanisch und Portugiesisch. Im Archiv sind Dokumente der Community gesammelt und digital zugänglich. Eine eigene Online-Ausstellung widmet sich den Ergebnissen der Photovoice-Workshops.

Russel Altamirano ist Projektmanagerin bei Viena Latina. Nach dem Studium der Kunstgeschichte entwickelte sie Bildungs- und Vermittlungsprogramme in Museen und Community-Organisationen. Sie interessiert sich dafür, wie künstlerische Ansätze in der Bildungsarbeit Räume für interkulturellen Austausch, soziale Gerechtigkeit und Community Empowerment schaffen.

Berthold Molden ist Projektleiter von Viena Latina. Der Historiker arbeitet sowohl zur globalen Ideologiegeschichte des 20. Jahrhunderts als auch zur europäischen und österreichischen Zeitgeschichte. Sein besonderes Interesse gilt dabei den politischen Dimensionen des kollektiven Erinnerns.

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