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Bernhard Denscher, 19.5.2022

Der Grafiker Moritz Jung

Hochbegabt und voller Humor

Schon als Student arbeitete der Grafiker Moritz Jung für das Cabaret Fledermaus oder die Wiener Werkstätte. Mit sozialkritischen, oft skurrilen Motiven begeistert er bis heute. Sein rasantes Werk fand jedoch ein jähes Ende: Mit nur 29 Jahren starb Jung als Soldat im Ersten Weltkrieg.

„Wie viele tausend Menschen hatte er mit seinen gezeichneten Drolligkeiten und moralisierenden Zeitglossen erheitert und viele hundert Menschen mit seinen feinen ausgearbeiteten Schwarzweißblättern und farbigen Holzschnitten entzückt“, schrieb der renommierte Kunstkritiker der „Arbeiter-Zeitung“, Arthur Roessler, in seinem am 3. April 1915 erschienenen Nachruf auf den im Ersten Weltkrieg gefallenen Künstler.

Moritz Jung, der seinen Vornamen später meist Moriz schrieb, wurde am 22. Oktober 1885 in Nikolsburg/Mikulov geboren und entstammte der traditionsreichen jüdischen Gemeinde der südmährischen Stadt. Als Jugendlicher kam er nach Wien und studierte hier von 1901 bis 1908 an der Kunstgewerbeschule unter anderem bei Alfred Roller, Carl Otto Czeschka und Bertold Löffler. 

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Dass er bereits als 18-jähriger Student in dem exemplarischen Vorlagenwerk „Die Fläche“ nicht weniger als zehn Arbeiten publizieren konnte, zeigt, wie hoch seine Lehrer seine Begabung einschätzten. Denn schließlich wurde die Publikation vom Direktor der Kunstgewerbeschule, Felician Myrbach, und den Professoren Josef Hoffmann, Koloman Moser und Alfred Roller herausgegeben.

Während seiner Studienzeit erhielt Moriz Jung auch den renommierten Auftrag, für das neu eröffnete Wiener „Cabaret Fledermaus“ das zweite Programmheft zu entwerfen. Zu jener Zeit war Jung überaus produktiv und veröffentlichte seine Illustrationen und Karikaturen in verschiedenen Medien. So waren seine Arbeiten in „Ver Sacrum“, „Erdgeist“, „Der Ruf“, in der Sportrevue des „Fremdenblattes“ und in der sozialdemokratischen satirischen Zeitschrift „Die Glühlichter“ zu finden. Im letztgenannte Magazin veröffentlichte er zum Teil unter „den verschiedensten Decknamen“, wie etwa Simon Mölzlagl oder – in Anspielung auf seinen Geburtsort – Nikolaus Burger, seine meist sozialkritischen Karikaturen.

Jung war auch für die Wiener Werkstätte tätig. Neben Bilderbogen und Buchillustrationen bescherten ihm da insbesondere jene 63 von ihm entworfenen Ansichtskarten einen nachhaltigen Erfolg. Es waren vor allem ganze Kartenserien, die der Grafiker dafür entwickelte, etwa zum Thema Hunde, Gespräch, Wiener Kaffeehaus, Varieté, Flugapparate, Musiker oder Musikhörende. Der Humor dieser Zeichnungen führt teilweise in einen seltsamen, bizarren Kosmos, und es scheint fast so, also ob Jung mit seinem Kollegen Rudolf Kalvach einen Wettstreit führte, wer die skurrileren Karten-Motive für die Wiener Werkstätte kreierte. Mittlerweile kommt kaum eine Publikation zum Thema Wiener Kaffeehaus ohne Beispiele aus seiner sechsteiligen Kartenserie „Wiener Cafe“ aus. Manches von Moriz Jung in diesem Zusammenhang Geschaffene erinnert, wie Gerd Pichler treffend bemerkt, an die Kunst der Comicstrips späterer Jahrzehnte.

Moriz Jung schuf auch Plakate, etwa für das „Cabaret Fledermaus“ oder jene 190 x 125 cm große, imposante Arbeit, die Johann Strauss zeigt und die sich glücklicherweise in der Wienbibliothek erhalten hat. Bei der Kunstschau 1908 war Jung in dem von Bertold Löffler kuratierten Plakatraum mit drei Arbeiten vertreten. Nach 1910 übersiedelte Jung nach Berlin und arbeitete dort in einer „graphischen Anstalt“, wie sich Arthur Roessler erinnerte.

Eine interessante Facette der Persönlichkeit des sonst als bescheiden und zurückhaltend geltenden Künstlers ist seine Mitwirkung als Darsteller in einer Pantomime, die anlässlich eines Wohltätigkeitsfestes im Jahr 1907 aufgeführt wurde. Das Stück „Die Tänzerin und die Marionette“ war von Max Mell verfasst worden und Grete Wiesenthal, die damals gerade den Höhepunkt ihrer Karriere im Hofopernballett erreicht hatte, gab die Titelrolle.

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Bei der 1914 in Leipzig stattfindenden „Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik“ wurde Moriz Jung für sein Porträt von Kaiser Franz Joseph ausgezeichnet, was nichts daran änderte, dass auch er bald zum Kriegsdienst einberufen wurde. Im September 1914 wurde Jung in Galizien durch einen Schuss in den linken Oberschenkel schwer verletzt. Kaum genesen musste er wieder an die Front und fiel in der über den Winter währenden, verlustreichen Karpatenschlacht am 11. März 1915 auf den Manilowa Höhen beim Dorf Łubne südlich von Baligród.

Zahlreiche Nachrufe beweisen, dass der erst 29-jährige Künstler bereits eine breite Anerkennung erlangt hatte. So hieß es etwa im „Prager Tagblatt“ vom 16. Juli 1915 über den Tod von Jung: „Die österreichische Graphik hat damit einen herben Schlag erlitten, denn in Jung wohnte eine Schöpferkraft, eine ingeniöse Beherrschung der Technik und prachtvolle Erfindungsgabe, die gerade vor Kriegsausbruch die Aufmerksamkeit weiterer Wiener Kreise erregte.“ Und das „Fremden-Blatt“ konstatierte am 4. April 1915: „Jung war einer der begabtesten Karikaturisten der modernen Wiener Schule. Namentlich seine Holzschnitte und Schwarz-weiß-Blätter waren von Kennern sehr geschätzt.“

Vor seinem frühen Ende übergab Moriz Jung, der auch schriftstellerisch tätig war, dem Kritiker Arthur Roessler einen Text, der Gedanken über den Tod enthielt und im tragischen Pathos der damals verbreiteten Kriegseuphorie gehalten war: „Alle Zweifel an Berufung und dergleichen sind verschwunden, verweht im Donner der Geschütze, und wenn ich im Felde falle, weiß ich, daß ich nicht nur für mich, daß ich auch für mein Volk gelebt.“

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Dieser Text ist die erweiterte Version eines Beitrags aus Bernhard Denschers neuem Buch „Gebrauchsgrafik aus Österreich. 51 Lebensläufe“ (Aesculus Verlag, Wolkersdorf 2022. 204 Seiten, mit 212 meist farbigen Abbildungen). Vorgestellt werden darin 51 Künstlerinnen und Künstler, die auf dem Gebiet der Gebrauchsgrafik Hervorragendes geleistet haben – von berühmten Namen bis zu weniger bekannten Gestalter*innen, insbesondere Frauen. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

Quellen und Literatur:

Denscher, Bernhard: Die Fläche und die Wiener Moderne, Wolkersdorf 2021, S. 31, 46.
Denscher, Bernhard: Österreichische Plakatkunst 1898-1938, Wien 1992, S. 77.
Schmuttermeier, Elisabeth; Witt-Döring, Christian (Ed.): Postcards of the Wiener Werkstätte. A Catalogue Raisonné, Ostfildern 2010, S. 188.
Pichler, Gerd: Moriz Jung, in: Allgemeines Künstlerlexikon, 78. Band, Berlin 2013, S. 503f.

Die im Text zitierten Zeitungen und Zeitschriften sind auf ANNO verfügbar.

Von Moritz Jung sind über 50 Postkarten in der Online Sammlung des Wien Museums abrufbar. Einen Beitrag über die Postkarten der Wiener Werkstätte finden Sie hier.

Bernhard Denscher, Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Wien, ab 1979 Referent in der Plakatsammlung der heutigen Wienbibliothek, von 1991 bis 2016 Leiter der Kulturabteilung der Stadt Wien. Zahlreiche Publikationen zu den Themenbereichen Visual History und Designgeschichte, Herausgeber des Online-Magazins www.austrianposters.at.

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