
Rokitanskygasse, 1978
Hauptinhalt
Die 70er Jahre in 17. Bezirk
Hernalser Impressionen
„Hernals war Zufall“, so Helmut Schill, der aus Schärding in Oberösterreich stammt und als Nachrichtenelektroniker zunächst in Graz arbeitete, ehe er 1975 nach Wien kam. In der Nähe der Vorortelinie – in der Halirschgasse hinter dem Holy Hof – fand er eine günstige Zimmer-Küche-Wohnung mit Klo am Gang. Durchaus üblich in einer Zeit, in der die renovierungsbedürftigen Gründerzeitbauten oft wenig Komfort versprachen. „Hernals war damals ziemlich heruntergekommen“, erinnert sich Schill. „Es war grau, auf den Parkbänken saßen alte Frauen mit Hut und die kleinen Geschäfte haben nach der Reihe geschlossen.“
Doch gerade das leicht morbide Ambiente, das auch in anderen Bezirken in- und außerhalb des Gürtels zu finden war, gefiel Schill, der damals die Fotografie für sich entdeckte. „Die hat in den 70er Jahren einen unglaublichen Aufschwung erlebt“, erinnert er sich. „Und Künstler wie Cartier-Bresson oder Robert Frank haben mich sehr beeindruckt.“ Also trat Schill einem Fotoclub bei, wo man sich nicht nur gegenseitig austauschen, sondern vor allem auch selbst Bilder entwickeln konnte. Das Thema für seine fotografischen Erkundungen lag vor seiner Haustür: Hernals.
„Ich wollte bewusst einen klar definierten Rahmen“, so Schill. „Ich hätte ja auch in ganz Wien fotografieren können oder in den Nachbarbezirken, aber ich habe tatsächlich die Bezirksgrenzen eingehalten, obwohl sie sehr willkürlich verlaufen.“ Vor allem den Bereich zwischen Vorortelinie und Gürtel hat Schill unzählige Male erkundet, das Villenviertel Richtung Wienerwald habe ihn weniger interessiert. Im Zeitraum von sechs Jahren zog er immer wieder vor allem durch die Nebengassen von Hernals und fotografierte Straßen, Häuser, Geschäfte, Szenerien, Raumkonstellationen. „Manchmal hat mich einfach das Licht gereizt oder das Wetter, zum Beispiel der Winter. Dann bin ich raus mit meiner Kamera. Mir ist es immer darum gegangen, das Besondere im Alltäglichen und Gewöhnlichen zu suchen, zu entdecken und zu fotografieren.“
Von den vielen Aufnahmen aus dieser Zeit sind nur vergleichsweise wenige ausgearbeitete Fotos geblieben – denn das Material war teuer, Beschränkung bedeutete gewissermaßen Konzentration. „Ich sehe meine Arbeit von damals weniger als Dokumentarfotografie, denn ich bin ja nie systematisch Gassen abgegangen“, so Schill. Es sind vielmehr präzise wie einfühlsame Stimmungsbilder, die sehr viel über die Zeit aussagen – wobei manches davon ebenso in Ottakring, Favoriten oder am Alsergrund sein könnte. Natürlich erkennt man spezifische Hernalser „Locations“, Plätze, Verkehrsrouten oder auch Lokale, an die sich heute kaum jemand mehr erinnert, etwa das Gasthaus Lindengarten in der Beheimgasse 39, in dem die ersten Punk-Konzerte Wiens stattfanden. Hernals-Erkundungen einerseits, Wien „in der Nussschale“ andererseits.
Bis 1981 wohnte Schill in Hernals, dann ging er mit seiner Frau auf Weltreise – und ließ sich drei Jahre später in der Leopoldstadt nieder, beim Karmelitermarkt, wo er seitdem wohnt. Fotografiert hat er später hauptsächlich auf Reisen, erst in der jüngsten Vergangenheit ist er wieder mehr mit der Kamera unterwegs – als Pensionist, der wieder die Lust am Fotografieren bekommen hat. Dass er seine meisterhaften Fotos, die jahrzehntelang in einer Lade schlummerten, dem Wien Museum als Schenkung übergeben hat, verdankt sich seiner Bekanntschaft mit Peter Hirsch, der mit seiner Frau Burgi vor langer Zeit einen großen Bestand an Fotografien (vornehmlich zur Arena ´76 und anderen Protestbewegungen) dem Museum gewidmet hat. „Der Peter Hirsch, den ich durch den Fotoclub der Arena kennengelernt habe, hat gemeint, das Museum könnte Interesse haben.“ Wie wahr!

Der komplette Bestand der Hernals-Fotografien von Helmut Schill ist in unserer Online Sammlung zu sehen. Das Museum dankt dem Fotografen für die großzügige Schenkung!


















Kommentar schreiben
Kommentar schreiben
Kommentare
Keine Kommentare