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Monika Kammer und Peter Stuiber, 29.9.2026

Die Hermesvilla aus restauratorischer Sicht

Traumschloss auf dem Prüfstand

Die Hermesvilla bildet verschiedene Zeitschichten ab: von Elisabeths Nutzung ab 1886 über den Verfall nach 1918 bis hin zur Widmung als Museum. Erstmals wurden nun die verwendeten Materialien und Techniken der Innenarchitektur- und Ausstattung restauratorisch dokumentiert. Ein Interview mit der Projektleiterin Monika Kammer von der Akademie der bildenden Künste Wien. 

Die 1882-1886 errichtete Hermesvilla galt als „Krone des modernen Schloßbaues“: Geplant von Karl von Hasenauer, beeindruckte sie vor allem mit ihrer dekorativen Innenausstattung, die vom Architekten selbst, aber auch von dem Bildhauer Viktor Tilgner und dem Maler Hans Makart stammte (die im Garten aufgestellte Hermes-Statue des Berliner Bildhauers Ernst Herter gab dem Gebäude seinen heutigen Namen). In der Zwischenkriegs- und in der Nachkriegszeit wurden das Gebäude und dessen Innenräume jedoch stark in Mitleidenschaft gezogen, ehe 1978 die Museen der Stadt Wien (heute: Wien Museum) den Ausstellungsbetrieb aufnahmen. Spätere Reparaturen, Ergänzungen und Restaurierungen prägen das heutige heterogene Erscheinungsbild.

Peter Stuiber

Im Rahmen eines Projekts an der Akademie der bildenden Künste haben Studierende seit zwei Jahren die Grundlagen für ein sogenanntes Raumbuch zur Hermesvilla erarbeitet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Monika Kammer

Für den zukünftigen Erhalt der Hermesvilla ist eine Generalsanierung notwendig. Die historische Raumschale sowie die bauzeitliche und spätere Ausstattung sollen dafür in einem Raumbuch erfasst werden, um eine materielle und technologische Übersicht des historischen Bestandes, seiner Veränderungen und seines Zustandes zu erlangen. Das Raumbuch dient als Grundlage für die Planung einer Generalsanierung und umfasst eine erstmalige systematische Erfassung der verwendeten Materialien und Techniken der Innenarchitektur sowie der Ausstattung im ersten Obergeschoss. Darüber hinaus werden spätere Überarbeitungen und aktuelle Schadensphänomene dokumentiert. Das Raumbuch erfasst somit alle relevanten Informationen für spätere Maßnahmen und kann auch zukünftig für die Dokumentation und das Monitoring der historischen Räume genutzt werden. 

PS

Und das geschah im Rahmen einer Lehrveranstaltung?

MK

Die Hermesvilla bietet in hervorragender Weise die Möglichkeit der fachübergreifenden Zusammenarbeit innerhalb der verschiedenen Spezialisierungen hier am Institut für Konservierung-Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Studierenden der drei Fachrichtungen Wandmalerei-Architekturoberfläche, Objekt-Holz und Gemälde-Skulptur konnten gemeinsam das Raumbuch-Projekt angehen, sich fachlich austauschen und bzw. sich in Bezug auf die speziellen Materialkenntnisse beraten. Das hilft nicht nur dem Museum, sondern auch den Studierenden: Denn die Fähigkeit in größeren Teams zu arbeiten ist eine wichtige Voraussetzung für den späteren beruflichen Erfolg. Die erste Aufgabe im Sommersemester 2024 war die gemeinsame Erarbeitung einer Struktur für das Raumbuch, und zwar in Abstimmung mit dem Wien Museum. Natürlich gibt es Vergleichsbeispiele für derartige Aufgaben und auch digitale Vorlagen und kommerzielle Apps. Das Raumbuch für die Hermesvilla sollte jedoch spezielle, dem Museumsalltag angepasste Informationen, Erweiterungs- und Übertragungsmöglichkeiten gewährleisten, die eine individuelle Lösung erforderten.

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PS

Wie wurde der Status quo dokumentiert bzw. wie geht man mit verborgenen Zeitschichten um?

MK

Zunächst gibt es eine augenscheinliche Begutachtung. Sie beruht auf Seherfahrungen, die für Anfänger:innen natürlich zunächst nicht so einfach zu bewältigen ist. Hier sind Lehrende und Lernende im Austausch über sichtbare Phänomene von historischen Techniken und Schäden. Naturwissenschaftliche Materialuntersuchungen sind zunächst nicht vorgesehen und können zu einem späteren Zeitpunkt gezielt eingesetzt werden, je nach Fragestellung an das entsprechende Bauteil. Da es in der Geschichte der Hermesvilla auch zu Veränderungen an der Bausubstanz kam, die heute erst durch eine gewisse Detektivarbeit verständlich werden, sind Recherchen zur Raum- und Restaurierungsgeschichte essenziell. Sie stützen sich auf Archivalien des Bundesdenkmalamts, der Österreichische Nationalbibliothek sowie des Wien Museums. Außerdem gibt es eine fotografische Dokumentation der Befunde. Dazu gehören auch technische Aufnahmen im ultravioletten Licht, also außerhalb des sichtbaren Wellenlängenbereichs ab 400 nm, die einerseits unterschiedliche Materialien und Techniken wie Ölfirnis oder Schellack sichtbar machen aber auch Oberflächenveränderungen wie Retuschen und Reparaturen. Auf diese Weise können der Überarbeitungszustand einer Wandmalerei oder hölzerner Einbauten schnell und übersichtlich erfasst werden. Außerdem wurde als bildgebendes Verfahren eine Wärmebildkamera eingesetzt. Zunächst als Testlauf, um ein neues Gerät zu erproben, aber auch, um eventuelle Strukturveränderungen am Mauerwerk des Gebäudes oder Schäden erkennen zu können.

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PS

Was ist mit Strukturveränderungen gemeint?

MK

Reparaturen, die fallweise auch für Expert:innen erst bei genauerem Hinsehen erkennbar sind. So ist etwa die große Fehlstelle der Kassettendecke im Arbeitsraum des Kaisers mit Holzimitationsmalerei auf Fernwirkung gearbeitet und daher nicht gleich sichtbar. Bei genauerem Betrachten auf dem Gerüst fallen Unterschiede jedoch deutlich auf – auch die besondere Qualität der historischen Dekorationstechniken, die in der Hermesvilla sehr vielfältig eingesetzt sind. Das scheinbar lustvolle Spiel mit Imitationen kostbarer Materialien und aufwendiger Techniken ist in nahezu jedem Raum der Beletage anzutreffen. Diese Techniken weiter zu untersuchen und in den historischen Kontext zu stellen sollte Aufgabe weiterer technologischer Untersuchungen sein. Ein interessantes Vergleichsobjekt wäre die nach 1853 im klassizistischen Stil umgebaute Kaiservilla in Bad Ischl, die vergleichbare Ziertechniken wie die Hermesvilla aufweist.

PS

Und was passiert nach den gerade beschriebenen Begutachtungen?

MK

Für jede Bauteilgruppe werden Bestand, Zustand und empfohlene Maßnahmen detailliert beschrieben. Jeder Raum wird zunächst schriftlich und fotografisch beschrieben, seine Geschichte stichpunktartig zusammengefasst und anschließend einzelnen Bauteilgruppen (Decke, Wand, Boden, Fenster/Türen und Ausstattung) systematisch behandelt. Hier war es für die Studierenden wichtig, ihre theoretischen erlangten Fachkenntnisse zu historischen Techniken, Materialien und Konstruktionen einzubringen. Welche Fenster sind original, welche Bauteile sind später ergänzt worden und wie ist der Zustand einer Wandmalerei zu bewerten? Die Bewertung der Dringlichkeit konservatorischer und restauratorischer Maßnahmen erfolgt anhand eines dreistufigen Ampelsystems: Rot kennzeichnet dringenden Handlungsbedarf mit der Gefahr akuten Substanzverlustes, Gelb steht für mittelfristig erforderliche Maßnahmen, Grün umfasst mögliche weiterführende Maßnahmen sowie Untersuchungen zur Präzisierung von Befunden (z. B. Materialien, Schadensphänomene). Eine Zusammenfassung schließt die Begutachtung des jeweiligen Raumes ab, zusammen mit einer tabellarischen Erfassung von technischen Details wie die Anzahl von Steckdosen, Fenstern, modernem Lichtschutz und Türen pro Raum. Die interne Festlegung von Fachbegriffen, Himmelsrichtungen, Abkürzungen und so weiter war hier besonders wichtig, um eine einheitliche und für alle Fachgruppen verständliche Sprache zu verwenden.

Nicht alle historischen Bauteile befinden sich noch vor Ort, daher sind auch Querverweise zu Fragmenten, die sich im Depot des Wien Museums befinden, im Raumbuch vermerkt.

PS

Bei einem Ampelsystem stellt sich natürlich die Frage: Wieviel rot mussten Sie denn vergeben? Oder anders gefragt: Wie steht es um die Hermesvilla?

MK

Die acht gesichteten Räume und ihre Bauteile sind in sehr unterschiedlichem Erhaltungs- und Überarbeitungszustand. In der Vergangenheit konnten bestimmte Bereiche der Wandmalerei oder der hölzernen Ausstattung konserviert und restauriert werden. Da dies natürlich finanzieller Ressourcen bedarf, geschah dies nicht zeitgleich, sondern abhängig von drohendem Materialverlust. 

Heute ist von Lockerungen von Farbschichten manchmal ein ganzer Raum betroffen, manchmal nur einzelne Wandflächen oder Zierelemente. Bauteile wie Holzfenster und Türen brauchen generell regelmäßige Pflege und Ertüchtigung, um ihrer Funktion nachzukommen.

PS

Abgesehen vom Projektnutzen für das Museum: Was konnten denn die Studierenden davon mitnehmen?

MK

Das Raumbuch-Projekt bedeutete nicht nur für die Studierenden eine Lernphase. Fachübergreifende Projekte erfordern auch von den Lehrenden viel Kommunikation und strukturelle Anpassungen in den Abläufen des Semesters. Unabhängig von der organisatorischen Herausforderung mit den vielen Beteiligten war auch die Erstellung der individuellen Raumbuchstruktur eine Herausforderung. Anfängliche Ideen stellten sich als unpraktikabel heraus und wurden später noch einmal verändert, Datenmengen von vielen Personen müssen organisiert und verwaltet werden. Und: Studierende dürfen aus Fehlern lernen, das ist ganz ein ganz normaler Prozess, der aber auch begleitet und betreut werden möchte. Das Projekt hat jedenfalls bei vielen angehenden Restauratorinnen und Restauratoren Berührungsängste vor komplexen Aufgaben und ungewöhnlichen Baustellensituationen abgebaut.

Hinweis

Die Tage der Restaurierung 2026 eröffnen einen besonderen Blick hinter die Kulissen der Hermesvilla. Im Mittelpunkt des Programms am 16. und 17. Oktober stehen die Spuren, Materialien und Techniken, die das historische Erscheinungsbild des „Schlosses der Träume“ prägen. Mehr dazu hier.

 

Literatur
 

Lindinger, Michela (2020). Kaiserin Elisabeths Hermesvilla – Refugium einer rastlosen Seele. Residenzverlag Wien Museum: Wien. 

Walter, Susanne (Hrsg.) (1981). Hermesvilla Lainzer Tiergarten. Eigenverlag der Museen der Stadt Wien: Wien.

https://www.akbild.ac.at/de/institute/konservierung-restaurierung/institut

Alexandra Sagmeister, Monika Mager, Unveröffentlichter Bericht zur restauratorischen Untersuchung im Speisezimmer, Vorraum und Cercle-Zimmer, Decken, Frühstückssalon, Kaiservilla, Jainzen 38, 4820 Bad Ischl, November 2024.

Monika Kammer studierte von 2002 bis 2007 Kunsttechnik, Konservierung und Restaurierung von Kunst und Kulturgütern an der Akademie der bildenden Künste Dresden. Von 2011 bis 2023 war sie dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Kunsttechnologie, Fotografie und Strahlendiagnostik von Kunstwerken tätig. Ihre Dissertation über kunstwissenschaftliche Radiographie und das Röntgenarchiv von Kurt Wehlte erschien 2022. Seit Oktober 2023 leitet sie den Studienschwerpunkt Konservierung und Restaurierung von Objekten / Holz und historischen Musikinstrumenten an der Akademie der bildenden Künste Wien. Seit 2024 gehört sie zur Redaktion der IIC Austria-Fachzeitschrift „Restaurierungsblätter – Papers in Conservation“.

Peter Stuiber studierte Geschichte und Germanistik, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum und ist redaktionsverantwortlich für das Wien Museum Magazin.

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