
Laurenz Janscha (Zeichner), Johann Andreas Ziegler (Kupferstecher): „Die Ruine in dem Garten des K. K. Lustschlosses von Schönbrunn“ / „Ruine; placée dans le Iardin. I. R. de Schoenbrunn“ (2. Etat, Ausschnitt), um 1800, Wien Museum, Inv.-Nr. 19175
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Künstliche Ruinen in Wien
Trümmer mit Absicht
Im Österreichischen Wörterbuch wird der Begriff „Ruine“ (vom lateinischen Verb „ruere“: niederstürzen) als „verfallenes Bauwerk“ definiert. In anderen Wörterbüchern findet man die Angabe, dass es sich bei einer Ruine um die stehen gebliebenen Reste eines zum größten Teil zerstörten oder verfallenen Bauwerkes handle. Bereits im Jahr 1777 erklärte Johann Christoph Adelung in seinem mehrteiligen Werk „Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart“ den Begriff mit den Worten: „Die Überreste von zerstörten Dingen, besonders von verwüsteten Gebäuden; die Trümmer.“ In älteren Lexika oder auch aktuellen Fremdwörterbüchern findet man zusätzlich den ebenfalls aus dem Lateinischen stammenden Begriff „Rudera“, der für Schutthaufen oder Trümmer steht. Er wurde beispielsweise für die Brandruine des Palais Trautson im Augarten verwendet.
Bei einer Ruine und Rudera wird stillschweigend davon ausgegangen, dass die Zerstörung oder der Verfall des Bauwerkes gegen den Willen des Eigentümers geschah oder er diese nicht verhindern konnte. Doch es gibt Ruinen, welche die Eigentümer mit voller Absicht schon bei deren Errichtung als zerstört darstellten, also künstlich ruinierten. Dieser im wahrsten Sinne des Wortes verrückte Gebäudetypus hat sich mit Übernahme der Mode des Landschaftsgartens auch in Kontinentaleuropa ausgebreitet.
Noch heute stoßen wir in großen Teilen Europas in zahlreichen Gärten und Parks auf solche Ruinenbauten. Als Beispiele seien die ruinöse Kolonnade im Pariser Park Monceau, die Abteiruine im englischen Painshill Park, der Ruinenberg von Sanssouci in Potsdam, die Burgruine im hessischen Staatspark Hanau-Wilhelmsbad und die zahlreichen künstlichen Ruinen des Fürsten Johann I. von Liechtenstein im Raum Mödling genannt.
Die höchstwahrscheinlich älteste künstliche Ruine Österreichs befindet sich interessanterweise nicht in einem Landschaftsgarten, sondern im spätbarocken Garten von Schönbrunn. Es ist auch jene, die mit Abstand den höchsten Bekanntheitsgrad in Österreich hat. Es handelt sich um die sogenannte Römische Ruine, welche ihren ideellen Ursprung im Namen trägt: Die Stadt Rom war in der Antike lange Zeit das Zentrum eines riesigen Reiches, welches für Macht und Einfluss in großen Teilen Europas stand. Es verwundert daher nicht, dass sich die Kaiser seit dem Mittelalter als „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches“ auf das einstige Römische Reich und dessen Herrscher beriefen.
Auch in der Neuzeit bezogen die Kaiser, die fast 400 Jahre – mit einer Ausnahme – vom Hause Habsburg beziehungsweise Habsburg-Lothringen gestellt wurden, Rom und dessen Bauwerke immer wieder in ihre Selbstdarstellung mit ein. Sie wollten politische Kontinuität vermitteln und ihre Herrschaft als Wille Gottes legitimieren. Der klassizistisch-antikisierende Bau der „Römischen Ruine“ im Schlosspark von Schönbrunn ist ein solches Beispiel für diesen geschichtlichen Rückgriff. Maria Theresia und ihr Sohn, Kaiser Joseph II, ließen dieses Bauwerk im Jahr 1778 errichten. Es umfasst an drei Seiten ein rechteckiges Bassin und wirkt auf den ersten Blick wie der Rest eines bereits in den Boden versunkenen Gebäudes. Die mehrmals veränderten Entwürfe gehen auf den Architekten Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg zurück. Manche Bauteile kopierte er vom Tempel des Vespasian und Titus am Forum Romanum in Rom; der mächtige Bogen hingegen sollte Assoziationen zu den römischen Triumphbögen hervorrufen.
Im Errichtungsjahr 1778 hieß das Bauwerk „Ruine zu Schönbrunn“, bereits ein Jahr später wurde es hingegen als „Ruine von Karthago“ bezeichnet. Dieser neue Name korrespondierte mit der Absicht, das Bauwerk nach einer Entwurfsänderung zerstörter als ursprünglich geplant wirken zu lassen. Da sich das Haus Habsburg-Lothringen als Nachfolger der meist siegreichen römischen Kaiser sah, sollte die Ruine dementsprechend einen passenderen Namen erhalten. Immerhin hatten die Römer die Karthager nach langem Ringen besiegt. Deren Untergang sollte nun durch die halb versunkene und zerstörte Ruine dargestellt werden. Die Botschaft dahinter: Auch der damalige Kaiser aus dem Hause Habsburg-Lothringen werde seine Feinde besiegen.
Um 1800 kam die neue Bezeichnung „Römische Ruine“ auf; sie setzte sich immer mehr durch, bis sich später kaum jemand an die einstige Namensgebung erinnerte. Fremden Besuchern dürfte sich der angesprochene Bedeutungszusammenhang nicht immer erschlossen haben. Der Niederländer Johann Meerman meinte 1794 in einem Reisebuch kurz und trocken zur Schönbrunner Ruine: „Hie und da erblickt man einige schöne Statuen und unter verschiedenen Kunstgebäuden eine artige Ruine, einen römischen eingesunkenen Triumphbogen darstellend, von reicher Architektur.“ Für den anonymen Autor der 1797 erschienenen Publikation „Reisen und merkwürdige Nachrichten zweier Neufranken durch Deutschland, Rußland, Polen und die Oestreichischen Staaten“ war die Ruine hingegen eine „Grotte“, die „weiter nichts [ist] als ein Wasserbeken, mit einem großen Bogen; man findet darin nichts als Ruinen von Statuen, Säulen, Büsten und zerstörte Basreliefs u. s. w.“.
Einige Jahre nach der Errichtung der künstlichen Ruine in Schönbrunn entstand ein deutlich kleineres Arrangement scheinbar antiker Reste; diesmal in einem Garten, welcher den Übergang vom spätbarocken zum Landschaftsgarten markiert. Es ist der Garten von Franz Moritz Graf von Lacy in Neuwaldegg, der ab 1765 angelegt wurde und dessen Reste heute als Schwarzenbergpark bekannt sind. Bis 1788 waren alle Gartengebäude errichtet und die einzelnen, in sich abgeschlossenen Gartenbereiche entlang der schon bestehenden barocken Allee angelegt. Würde man heute am westlichen Ende der Allee geradeaus den Hang bergauf gehen, stieße man im Wald an jenen Ort, an dem sich spätestens ab 1781 ein ruinöser Staffagebau befand. Er markierte damals den westlichen Punkt der durch die Allee vorgegebenen Achse und bot einst sicher einen schönen Ausblick auf die Allee selbst, den Park und die Stadt Wien. Trotzdem ist über diesen Bau nur sehr wenig bekannt. Wie eine 1782 veröffentlichte Ansicht von Jacob Mathias Schmutzer zeigt, handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einige freistehende Tempelsäulen mit einem Obelisk davor. Ob dieser Bau einen Teil eines verfallenen antiken Tempels oder ein Arrangement von antiken, ruinösen Architekturteilen darstellen sollte, muss aufgrund der Datenlage offenbleiben. Im sogenannten Mansfeld-Plan, der ebenfalls 1782 veröffentlicht wurde, ist die Stelle jedenfalls als „Ruine dʼun Temple“ bezeichnet.
Dass der künstliche Bau als Ruine wahrgenommen werden sollte, zeigt uns auch der Gartenschriftsteller und Gartenbesitzer Fürst Charles-Joseph de Ligne, der in den 1790er-Jahren den Bau kurz und schlicht als „Ruine“ bezeichnete. Sie wurde 1807 das letzte Mal erwähnt: In der anonym erschienenen „Beschreibung des Neuwaldecker-Parks, bekannt unter dem Nahmen Dornbacher-Garten, bey Wien in Oesterreich“ findet sich in einer Planzeichnung der Bau als „Ruine eines Tempels“ angeführt. Im Text wird dessen Standort als Ausgangspunkt der „Aussicht“ über die Allee Richtung Wien angesehen. Doch als das Buch erschien, dürfte die Ruine schon nicht mehr existiert haben, denn Josef Oehler schrieb im selben Jahr in seinem Büchlein „Panorama von Wiens Umgebungen“: „Die Ruinen eines Tempels befanden sich am Ende derjenigen Allee, welche mit der großen Allee in gerader Linie steht und auch vor der gegenwärtigen Umschaffung des Parks mit ihr zusammenhieng [sic!]. Diese Tempel Ruinen sind nicht mehr vorhanden, aber die Anhöhe, worauf sie standen, gewehret eine vortreffliche Aussicht.“
Deutlich imposanter als das Trümmer-Arrangement des Grafen Lacy war das Ruinengebilde in der Gartenanlage des langjährigen russischen Botschafters in Wien, Fürst Dmitrij Michajlovich Aleksjevič Galicyn (1721–1793). Der Landschaftsgarten lag auf dem sogenannten Predigtstuhl, im heutigen 16. Wiener Gemeindebezirk. Die dortige antik anmutende Ruinenlandschaft in der Form verfallener Tempelfronten dürfte sich etwas oberhalb der heutigen Feuerwehrwache „Steinhof“ befunden haben und war zu Lebzeiten des Fürsten der weithin sichtbare optische Höhepunkt des Gartens. Ihre Errichtung erfolgte frühestens 1785. Der Vorreiter von Beschreibungen der Umgebungen Wiens, Franz Anton de Paula Gaheis, publizierte nach seinem Besuch im Jahr 1794 eine kurze Beschreibung der Ruinen, die „auf zwey Hügeln angelegt sind. Sie sind mit solcher Kunst und Täuschung verfertiget, daß man Mühe hat, sie für Werke unserer Zeiten anzusehen. Die im echt römischen Style angebrachte Inschrift hilft diese Täuschung noch [zu] vermehren. Man glaubt wirklich ehrwürdige Rudera des Alterthums vor sich zu sehen, wenn man die zerbrochenen Säulen, die eingestürzten Thorbögen, die herumliegenden, mit Moos bewachsenen Bruchstücke, und die auf dem Gemäuer wachsenden Pflanzen, denen man die pflegende Hand des Gärtners kaum anmerkt, erblickt.“
Der bereits erwähnte Josef Oehler schrieb 1807: „Eine Stunde von Wien erhebt sich hinter Ottakrin[g] ein Berg, welcher sonst der Predigtstuhl genannt wurde. Der ehemalige rußische Bothschafter, Fürst Gallizin, kaufte einen Theil der dortigen Gegend mit einem Stück Walde an sich und machte eine herrliche Anlage daraus. Seit dieser Zeit erhielt der Berg den Nahmen Gallizinberg. [Neben einem Landhaus] wurde ein kleiner Garten und ein größerer Park, einer der schönsten Naturgärten um Wien, angelegt. […] Eine Ruine auf der Spitze des Berges, ein Tempel, verschiedene Lusthäuschen, Teiche, Brücken, Alleen und dgl. sind darinn mit ungemein glücklicher Wahl der gehörigen Stellen angebracht.“
Auch wenn der Landschaftsgarten und die Gartenarchitekturen nach dem Tod Galicyns im Jahr 1793 rasch verfielen, wurde die künstliche Ruinenlandschaft von den Besuchern noch bis in die 1810er-Jahre als solche erkannt. So notierte Joseph Carl Rosenbaum (1770–1829) im August 1813 in sein Tagebuch: „Ich ging auf den Galitzinberg, verfehlte den Weg und musste mich durch Dornen winden. Ruhte auf den Stufen des Hauptgebäudes, dann bei der Ruine, es war sehr angenehm.“ Nach seinem Besuch im Juni 1798 hatte Rosenbaum festgehalten, dass das Hauptgebäude, der – noch heute existierende – Rundtempel und die Ruinen „vortreffliche, reizende Aussichten“ gewähren würden.
Die wenigen Abbildungen und Beschreibungen zeigen, dass es sich bei der Ruine um eine Kulissenarchitektur handelte, bei der eine große Gebäudetiefe vorgetäuscht wurde: Von der Ferne aus betrachtet, wirkte sie wie ein mächtiges Bauwerk. Erst direkt vor Ort bemerkten die Besucherinnen und Besucher die geringe Tiefe der Ruine. Diesen optischen Trick finden wir schon früher im englischsprachigen Raum. Als Beispiel sei die Gartenanlage des Belvedere House in Irland genannt. Die dortige „Gothic Arch“, errichtet um 1760 für den ersten Earl of Belvedere nach einer Idee des Architekten und Universalforschers Thomas Wright, zeigt uns einen „flat two-dimensional eye catcher“. Erst wenn man den rustikalen Bogen durchschreitet, erkennt man die reale, geringe Tiefe des Gebäudes: rund 3,5 Meter.
Wie die künstlichen Ruinen in Neuwaldegg und am Predigtstuhl stammt jene in Alt-Erlaa, die auf Fürst Georg Adam Starhemberg zurückgeht, ebenfalls aus den 1780er-Jahren. Er ließ im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts ein kleines Sommerschloss in Erlaa errichten und einen Landschaftsgarten anlegen. In diesem steht noch heute auf einer kleinen Erhebung nahe dem Schloss ein großes ruinöses Gebäude, das höchstwahrscheinlich vom Bildhauer und Architekten Benedict Heinrizi (1749–1799) geplant wurde. Die erste erhaltene Nachricht von diesem eigenartigen Bau stammt aus dem 1784 publizierten Band der Johann Bernoullischen Sammlung kurzer Reisebeschreibungen. Der anonyme Autor vermerkt darin: Von einem Gebüsch „kömmt man unvermuthet zu einem [sic!] Ruin, oder einem Gebäude voller Risse, und mit einer zertrümmerten Balustrade sammt zwey kleinen Pyramiden“. Der bereits zweimal erwähnte Josef Oehler schrieb Jahre später: „Unter den Gartengebäuden zeichnet sich ein in Ruinen fallender Tempel aus, der aber von Innen einen Tanzsaal bildet. Er ist von Außen mit Büsten, inwendig aber mit Spiegeln und chinesischem Porzellän geziert.“
Nach dem Tod Starhembergs dürfte die Pflege des Gartens und der Gartengebäude rasch reduziert worden sein. Denn der ebenfalls bereits erwähnte Joseph Carl Rosenbaum, der 1811 von einer „sehr interessanten Ruine“ geschrieben hatte, notierte nach seinem Besuch im Juni 1815 in sein Tagebuch: „Die Verwüstung wütet mit aller Macht, in keinem Kanal Wasser, der [runde] Tempel zum Einstürzen, nicht viel besser die Ruine […].“ Die künstliche Ruine war inzwischen zur echten Ruine geworden.
Ihre deutlichen Risse im Mauerwerk sollten wohl auf ein Erdbeben in längst vergangenen Zeiten hinweisen. Das Innere bildete einen funktionalen und stilistischen Kontrast zum Äußeren, wobei dieser durch den stark fortgeschrittenen Verfall der Innenräume schon längst nicht mehr vor Ort nachvollzogen werden kann. Ende des 19. Jahrhunderts war die künstliche Ruine jedoch noch begehbar. Der Kunsthistoriker Albert Ilg klärte 1895 die Leserinnen und Leser des „Monatsblatts des Alterthums-Vereines zu Wien“ nach seinem Besuch der Ruine auf: Das Gartengebäude in Erlaa habe nichts mit „mittelalterlicher Romantik“ zu tun, sondern stelle „in halb antikisirendem, halb im Renaissancecharakter“ ein Casino – also ein kleines Wohn- oder Sommerhaus – vor oder wolle das wenigstens darstellen. „Es ist ein beiläufig quadratisches, kleines Parterregebäude, in den oberen Partien aber künstlich so defect dargestellt, dass man meinen sollte, hier befand sich einst noch ein Stockwerk. […] Alles hat künstlich angedeutete Mauersprünge, Risse und sonstige Schäden, heute in Folge der Zeit wohl auch natürliche. […] Das Innere ist ein quadratischer Raum von ganz kahlen Formen des Empires. Umsomehr fesselte mich das Aeussere, an dem ich sofort erkannte, dass die decorativ malerisch wirken sollende Gesammtanlage mit Benützung von verschiedensten Bruchstücken älterer Barock- sowie Renaissancetrümmer, Architektur- und Sculpturbestandtheile zusammengestoppelt sei.“ Laut Albert Ilg – der den Bau irrtümlich in die 1810er-Jahre datierte – standen zu seiner Zeit auf dem Dach der kleinen Vorhalle noch barocke Sandsteinbüsten und vor dem Gebäude lagen zahlreiche Architektur- und Skulpturenreste, „absichtlich malerisch im Buschwerk verstreut“.
Alle bisher erwähnten künstlichen Ruinen, die einst weit außerhalb der Stadt Wien lagen, zielten vom Baustil her auf die Antike ab. Wenig später änderte sich der zeitliche Bezugsrahmen. Nun verwiesen die Bauherrn nicht mehr auf die weit zurückliegende Antike, sondern auf die Gotik des Mittelalters. Da früheste Beispiel im Wiener Raum findet sich in Hütteldorf und dort im sogenannten Dehnepark, der ab 1791 durch Fürstin Maria Antonia Paar im landschaftlichen Gartenstil angelegt wurde.
Der bereits zitierte Franz Anton de Paula Gaheis gibt uns in seinen „Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden um Wien“ eine Vorstellung des Gartens, den er 1797 erstmals besucht hatte. Bei seinem Rundgang gelangte er zu den „Ruinen eines Bergschlosses“. Diese künstliche Ruine aus Bruchsteinmauerwerk und Spitzbögen entpuppte sich entgegen seiner ersten Einschätzung als „gut ausgeführte Verkleidung einer Gärtnerwohnung und einer Orangerie“. Johann Pezzl schrieb 1807: „Man gelangt an einen mäßigen Berg, auf welchem man die Ruinen einer alten Burg erblickt; wenn man denselben erstiegen hat, findet sichs, daß diese Ruinen eine verkappte Gärtnerwohnung und Orangerie sind; auch hat man von diesem Berge eine hübsche Aussicht.“
Bei dieser künstlichen Ruine sehen wir abermals den beabsichtigten Kontrast zwischen Äußerem und Innerem, also zwischen dem, was die Besucherinnen und Besucher von außen wahrnehmen beziehungsweise vermuten sollten und dem, was sie im Inneren tatsächlich sahen. Aufgrund einer Pflanzeninventarliste aus dem Jahr 1813 und Beschreibungen wissen wir, dass Zitrusbäume, Oleander, Granatapfelbäume, Jasmin und Zypressen in Töpfen in der warmen Jahreszeit auf Stiegen beim Gebäude oder im nahe gelegenen Graben aufgestellt waren. Im Winter brachte man sie hingegen im Ruinengebäude unter, dessen Fenster verglast waren. Heute ist die sogenannte gotische Ruine das einzige Gebäude, das sich im einstigen Paarʼschen Garten erhalten hat – als echte Ruine einer künstlichen Ruine. Dieser neogotische Bau ist – trotz des schlechten Zustandes – im deutschsprachigen Raum einmalig.
Hatte die Römische Ruine in Schönbrunn vor allem eine politisch-dynastische Funktion zu erfüllen, waren andere (später errichtete) künstliche Ruinen auf eine schmückende, Überraschung bereitende Funktion reduziert worden. Im Gegensatz zum Kaiserhaus mussten die fürstlichen und gräflichen Eigentümer keinen baulichen Hinweis auf das römische Reich in ihre Gärten setzen. Ihre künstlichen Ruinen hatten keinen spezifischen legitimierenden Anspruch zu erfüllen. Kurz gesagt: Aus einem politischen Statement war eine weitverbreitete, beinahe inflationäre Mode geworden.
Bei einem Blick auf weitere künstliche Ruinen in Ostösterreich wird deutlich, dass zwischen den 1770er- und den 1820er-Jahren ein kompletter Stilwechsel stattgefunden hat: weg von scheinbar antiken hin zu scheinbar gotischen Ruinen, wie die ab 1808 entstandenen zahlreichen Ruinenbauten des Fürsten Johann I. von Liechtenstein im Raum Mödling zeigen. Auffällig ist hier die außergewöhnlich hohe Dichte künstlicher Ruinen. Es war ein letztes „Aufbäumen“ einer Modeerscheinung.
Literatur
Anonym: Reisen und merkwürdige Nachrichten zweier Neufranken durch Deutschland, Rußland, Polen und die Oestreichischen Staaten […]. Zweiter Band. Leipzig 1797
Anonym: Beschreibung des Neuwaldecker-Parks, bekannt unter dem Nahmen Dornbacher-Garten, bey Wien in Oesterreich […]. Wien 1807
Dahm, Friedrich (Hrsg.): Die Römische Ruine im Schlosspark von Schönbrunn. Forschungen – Instandsetzung – Restaurierung. Wien 2003
Gaheis, Franz Anton de Paula: Spazierfahrten in die Gegenden um Wien. Wien 1794
Gaheis, Franz Anton de Paula: Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden um Wien. Band 1, 2. Auflage. Wien 1798
Hlavac, Christian: Wiener Parkgeschichten. Amalthea Verlag. Wien 2021
Hlavac, Christian: „... und so ahmt sie ein hohes Alter nach“. Die künstliche Ruine in niederösterreichischen Gärten. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. Neue Folge 87, S. 371–408. Sankt Pölten 2022
Johann Bernoulliʼs Sammlung kurzer Reisebeschreibungen und anderer zur Erweiterung der Länder- und Menschenkenntnis dienender Nachrichten. Band 14. Berlin 1784
Meerman, Johann: Reise durch Preussen, Oesterreich, Sicilien und einige an jene Monarchien grenzende Länder. Zweiter Theil. Braunschweig 1794
Oehler, Josef: Panorama von Wiens Umgebungen. Wien 1807
Pezzl, Johann: Die Umgebung Wiens. Als zweyter Theil der Beschreibung von Wien. Wien 1807
Traxler, Franz: Der Neuwaldegger Park. Blick in die Gegenwart. Diplomarbeit. Wien 2005
Weeber, Karl-Wilhelm: Super! Griechische und lateinische Wörter im Deutschen. Stuttgart 2015













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