
Hotel Astoria, Ansichtskarte (Ausschnitt), um 1930, Wien Museum, Inv.-Nr. 309759
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Die Pionierjahre des Hotels Astoria
Inklusive Ozonanlage und Zentralstaubsauger
Schon die Lage in der Führichgasse1/Ecke Kärntner Straße 32-34, unweit der Hofoper, verpflichtete zu höchsten Ansprüchen. Seit den 1870er-Jahren stand hier der Kärntner Hof mit berühmter, glasüberdachter Einkaufspassage sowie daneben ein vierstöckiges Wohnhaus. Beide Gebäude wurden zu Beginn des neuen Jahrhunderts von der Allgemeinen Österreichischen Baugesellschaft erworben und in den Jahren 1909/10 abgebrochen. Schon im Folgejahr begannen die Bauarbeiten für das Hotel Astoria.
Die Pläne dafür stammten von Architekt Franz Mörtinger (1872–1929), Spezialist für großstädtische Mietshäuser, der nun daranging seinen wohl prestigeträchtigsten Bau zu realisieren. Dieser umfasste die Hälfte des gesamten Baublocks und wurde in spätsecessionistischer Formensprache ausgeführt, mit einer zweigeschoßigen Geschäftszone und dem darüberliegenden Hotelbereich. Die schmuckvolle Fassade wies Lisenen, Parapetfelder und weibliche Kopfmasken auf, Gitterbalkone, Ecktürme mit Kuppeldächern sowie ein Dach mit Atelierfenstern verstärkten die vornehme, beinahe palastartige Außenwirkung.
Als Name wurde Astoria gewählt, in Anlehnung an das berühmt gewordene Luxushotel gleichen Namens in New York, das eineinhalb Jahrzehnte zuvor von John Jacob Astor IV. eröffnet worden war. Und so wie das amerikanische Vorbild wollte man nunmehr auch in Wien Luxus, Modernität und Internationalität verströmen. Neben Wien wurden in jenen Jahren übrigens auch in Budapest, Berlin, Sankt Petersburg, Kopenhagen, Oslo und Bad Gastein Hotels mit dem Namen Astoria gegründet – ein Qualitätssiegel und Markenzeichen ging um die Welt.
Eigentümer und Betreiber des Wiener Hotels war der erfahrene Unternehmer Anton Hanl (1868–1929). Ursprünglich aus Böhmen (Radonitz/Radonice) stammend, hatte er seine ersten Erfahrungen als Hotelier in Berlin gemacht. Im Jahr 1905 war er nach Wien gezogen, wo er zunächst das Hotel Post am Fleischmarkt 16 führte, ehe er nun das Hotel Astoria übernahm.
Zur Eröffnung am 1. August 1912 versandte Hanl elegant gestaltete Einladungskarten, in denen er voll Stolz auf die „neue Hotelschöpfung in der Kaiserstadt“ hinwies. Er hob die absolute Feuersicherheit und modernste technische Ausstattung des Baus hervor und rückte auch seine eigene Person ins rechte Licht: „Gestützt auf meine langjährigen praktischen Erfahrungen im Hotelfach, glaube ich im Hotel Astoria auch den verwöhntesten Ansprüchen im internationalen Fremdenverkehr vollauf entsprechen zu können.“
Die Ausstattung konnte sich sehen lassen: Sämtliche 150 Gästezimmer wiesen elektrische Beleuchtung, Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser, Telefonanschluss sowie Uhren, die über eine eigene Zentraluhr reguliert wurden, auf. Eine besondere Annehmlichkeit stellten zudem die zahlreichen Toiletten, Bade- und Dienerzimmer, die Tag und Nacht zu benützenden Aufzüge und der – wie betont wurde – absolut zuverlässige und sichere Postdienst dar. Absolutes technisches Highlight aber war die elektrisch betriebene Ozonanlage, die allen Räumlichkeiten mittels Ventilatoren frische, ozonreiche Luft zuführte.
Hygiene wurde in dem Neubau groß geschrieben. Dazu trug auch der Einbau einer innovativen Zentralstaubsauger-Anlage bei. Eine im Keller installierte Vakuumpumpe war über ein Rohrleitungssystem mit jedem Raum des Hauses verbunden. Über spezielle, in der Wand montierte Rosetten konnten sodann Schlauchleitungen, bestückt mit unterschiedlichen Düsen und Bürsten angeschraubt werden.
Die Einrichtung der allgemeinen Räume hatten Tischler, Tapezierer und Dekorateure mit besonderem künstlerischen Feingefühl durchgeführt; die Salons – es gab einen Empire-, Biedermeier- und Chippendalesalon – verströmten weltläufige Eleganz, ebenso der großzügige Speisesaal und die Empfangsräume. Publikum und Presse waren tief beeindruckt von dieser mondänen „Großstadtschöpfung“, die als „Sehenswürdigkeit“ und „Triumph der Industrie“ gefeiert wurde. Man lobte das „Muster eines modernen Hotels mit technischen Einrichtungen, wie sie kein anderes österreichisches Hotel besitzt“.
Auch der Redakteur der Neuen Freien Presse griff zum Superlativ: „Das ‚Hotel Astoria‘ hat in seinem durchaus nicht heimisch anmutenden Namen sein Programm. ‚Astoria‘ ist ein Wort, das im fernen Westen entstanden. Es ist ein furchtbar modernes Wort, das uns gleich sagt, was wir von dem Hause zu erwarten haben: ein modernes Hotel. Und das ist ‚Astoria‘ im besten Sinne des Wortes.“
Der Luxus hatte natürlich seinen Preis. Ein Doppelzimmer mit Bad und Toilette kostete im Eröffnungsjahr 32 Kronen (heute rd. 230 Euro), das Dienerzimmer schlug mit 6 Kronen (43 Euro) extra zu Buche, ebenso das Frühstück mit 2 Kronen (14 Euro). Die Gäste waren von Beginn an international und entstammten höchsten Gesellschaftsschichten aus Aristokratie und Großbürgertum. So konnte Anton Hanl schon in den ersten Monaten zahlreiche Prominenz begrüßen, etwa Fürst Otto zu Windisch-Graetz, Prinz und Prinzessin Friedrich von Schönburg-Waldenburg, Prinzessin Suzanne Czartoryska, Fürst und Fürstin zu Salm-Salm oder Prinz Achmed Fuad Pascha von Ägypten.
Hanl ließ eigene, teils auch englischsprachige Werbekarten drucken und erhöhte so auch international die Aufmerksamkeit für sein Hotel. Den Betrieb führte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Maria (geb. Koller, 1876–1957). Diese stammte ursprünglich aus Neulengbach, einer kleinen Stadt in Niederösterreich, der das Ehepaar Hanl über viele Jahre hinweg verbunden blieb. Marias Vater war dort als Volksschuldirektor tätig, Anton Hanl selbst engagierte sich im örtlichen Schützen- und Männergesangsverein und war zudem als Wohltäter mit regelmäßiger Spendentätigkeit bekannt.
Das Hotel in Wien florierte, so scheint es, von Beginn an prächtig. Der Ruf als eines der besten Hotels der Stadt verfestigte sich, man wähnte sich am Puls der Zeit. Dazu trug auch das im Parterre gelegene Café Carlton bei, geführt von Carl Colini, mit Bar, Café- und Teesalon sowie regelmäßigen Tanz- und Musikveranstaltungen. Rasch entwickelte es sich zum Treffpunkt der eleganten Wiener Gesellschaft.

Hotels wie das Astoria wurden mit ihrer Pracht und Ausstattung zum „Schloss des Großbürgertums“ (Hans Magnus Enzensberger). Von ihrer Komplexität her waren sie eine Großstadt en miniature und ein paradigmatischer (Transit-)Ort der Moderne: soziale Verdichtung und Vielfalt, vernetzte technische Infrastruktur, multiple Transformation in Permanenz. Stadt und Hotel waren – ähnlich wie Warenhaus, Bahnhof und Kino – auch imagemäßig eng miteinander verbunden.
Mit den neuen Luxushotels der Jahrhundertwende – auch das Imperial, Bristol, Grand und Sacher hatten sich bedeutend vergrößert und modernisiert – machte Wien jedenfalls einen großen touristischen Schritt vorwärts. Dies bestätigte im Sommer 1914 auch ein vielgereister Zeitgenosse, der den Vergleich mit anderen europäischen Städten zog: „Mir ists eine angenehme Erfahrung, daß die Wiener Hotels den übrigen nicht nachstehen. Warum soll das nicht gesagt werden? Ganz objektiv und um einmal auch etwas, was in Wien gut ist, gut zu nennen. […] und deshalb darf denn auch noch hinzugefügt werden, daß diese Wiener Häuser in ihrer Ausstattung mehr Gediegenheit und Geschmack und weniger falsche Pracht zeigen als die Hotels im Ausland.“
Die Zeit des Ersten Weltkriegs überstand das Astoria unbeschadet, und als Anton Hanl am 2. März 1918 seinen 50. Geburtstag feierte, nahm das Hotelpersonal dies zum Anlass, eine eigene Glückwunschkarte drucken zu lassen. Darauf abgebildet war das Ehepaar Hanl samt luxuriösem Auto vor dem Hoteleingang, umrankt von den wichtigsten Angestellten.
Geführt wurde der Betrieb mit strenger Hand und eindeutiger politischer Ausrichtung, waren die Hanls doch bekanntermaßen deutschnational eingestellt. Schon im Hotel Post hatte Anton Hanl slawischen Vereinen verboten sich im Hotel zu treffen, er galt – damaligen Zeitungsberichten zufolge – als „streng deutsch“. In den 1920er-Jahren erwarb er eine große Gründerzeitvilla im Nobelbezirk Hietzing, Ghelengasse 7, die fortan als Wohnsitz diente. Hier starb er dann auch nach schwerer Krankheit am 19. September 1929.
Seine Witwe Maria führte das Hotel ab nun allein weiter. Als selbstbewusste Direktorin avancierte sie schon bald – ähnlich wie ihre, nur einen Häuserblock entfernt tätige Kollegin Anna Sacher – zu einer der bekanntesten Unternehmerinnen der Stadt. Hanl verkehrte in den höchsten Gesellschaftskreisen und war stolze Besitzerin eines eigenen Autos. Ihr Packard galt in den Dreißigerjahren als Inbegriff eines amerikanischen Luxusautomobils. Mit dem Fahrzeug nahm sie dann auch an mehreren Fahrten des Wiener Automobilklubs teil und wurde so zu einer prominenten Anhängerin des „Damen-Autosports“.
Das Automobil war mittlerweile, so erkannte sie, auch für ihre Hotelgäste immer wichtiger geworden. Zwar konnte man keine eigene Garage im Haus anbieten, aber das Astoria mietete sich – wie auch andere Hotels jener Zeit – in einer Sammelgarage ein. Die nahe gelegene Centralgarage in der Hanuschgasse 3 stand künftig dafür zur Verfügung.
Regelmäßig schien Maria Hanl in der damaligen Tagespresse auf, als auffällige Modeerscheinung und prominente Besucherin des Wiener Derbys etwa oder eines großen Balls im Wiener Rathaus. Auch beim Opernball des Jahres 1937 war sie dabei und beeindruckte mit ihrem Outfit: schwarzes Kleid mit Spitze und Hermelincape.
In der NS-Zeit lief der Betrieb des Hotels ungestört weiter, 1944/45 blieb es von Zerstörungen weitgehend verschont. Die britische Besatzungsmacht quartierte sich darin ein. Auch Hilde Spiel, aus dem Londoner Exil als Berichterstatterin des „New Statesman“ zurückgekehrt, fand dort kurz Aufenthalt. In ihren Tagebuchaufzeichnungen „Rückkehr nach Wien“ schilderte sie das ihr zugewiesene Zimmer im Astoria: „Das Doppelfenster ist nicht nur durch Portieren und Spitzenvorhänge gegen Kälte und Zugluft abgeschirmt, sondern auch Fensterpolster aus weißem Drillich und rotplüschene Lambrequins. Ich blicke zur Führichgasse hinab, auf die kleinen Läden, in denen früher so viele elegantes, ja frivoles Zeug zu haben war. Jetzt sind die Schaufenster leer. […] Hinter mir im Spiegel sehe ich den burgunderroten Bettüberwurf, die Mahagonikommode und die weiße Marmorplatte des Nachttischs.“ Doch die Freude über den erhalten gebliebenen Komfort im Hotel währte nicht lange; noch am Abend musste sie ins Quartier der übrigen britischen Berichterstatter im Salmschlössl umziehen.
Maria Hanl trat in den schweren Jahren der Besatzungszeit immer wieder als Wohltäterin auf. So spendete sie im Dezember 1949 für die Anschaffung von dringend benötigtem Penicillin. Und auch in Neulengbach blieb sie dem Männergesangsverein weiter verbunden. Dieser ehrte sie dann auch im Juli 1950 bei einem Konzert mit dem Lied „Wie’s daheim war“.
Die Gäste des Hotels Astoria blieben weiterhin prominent. Zahlreiche Opern- und Filmstars waren darunter, 1948/49 auch Orson Welles und ein Großteil der Filmcrew, die sich im Zuge der Dreharbeiten zum Film „Der dritte Mann“ in Wien aufhielten. Laut Anton Karas wurde dort auch das berühmte Harry Lime-Theme „geboren“.
Im Jahr 1952 verkaufte die Hoteldirektorin – Hanl war mittlerweile 76 Jahre alt – den von ihr mehr als zwei Jahrzehnte lang geführten Betrieb. Die Allgemeine VersicherungsAG Nordstern erwarb drei Viertel der Eigentumsanteile. Einer der letzten öffentlichen Auftritte von Maria Hanl dürfte die Fahnenweihe anlässlich der 100-Jahrfeier des Männergesangsvereins Neulengbach gewesen sein, wo sie im Juni 1955 als Fahnenpatin fungierte. Am 30. Dezember 1957 starb sie hochbetagt.
Das Hotel Astoria ging in der Folge in den Besitz des Verkehrsbüros über. 2024 wurde es durch BWM Designers & Architects modernisiert, wobei dem Umbau zugute kam, dass nach wie vor viele Teile des Gebäudes original erhalten waren. Im Mai 2025 wiedereröffnet, wird der geschichtsträchtige Bau nunmehr im Zuge einer Franchise-Kooperation als „Hotel Astoria Vienna, Curio Cellection by Hilton“ geführt. Auch als Kultur-Veranstaltungsort versuchte man sich zu positionieren: Die Schauspielerinnen Maxi Blaha und Karin Lischka führten dort das Theaterstück „Divas im Dilemma“ auf. Und auch in der Unterhaltungsliteratur hinterließ das Astoria seine Spuren. Die Wiener Autorin Ursula Heinrich ließ ihren Wien-Krimi „Mord im Astoria“ ebendort spielen.
An die glamouröse Anfangsära des Hotels erinnert heute noch der Grabstein des Ehepaares Hanl am Hietzinger Friedhof, auf dem auch das Astoria namentlich verewigt ist.
Quellen und Literatur
Zeitungsartikel (Auswahl):
Neue Freie Presse, 11.8.1912, 14; 27.10.1912, 16; 1.9.1912, 14, 19.7.1914, 12.
Neues Wiener Tagblatt, 11.8.1912, 15-16.
Pester Lloyd, 19.7.1912, 5; 4.8.1912, 8.
Wiener Montags-Post, 16.9.1912, 2.
Die Zeit, 11.8.1912, 31.
Ursula Heinrich: Mord im Astoria. Wien-Krimi. Meßkirch 2023.
MAK Sammlung Online: Einladung ins Hotel Astoria (Eröffnung) von Anton Hanl, Anonym, MAK Inv.nr. KI 23255-21-10 (https://sammlung.mak.at/de/collect/einladung-ins-hotel-astoria-eroeffnung-von-anton-hanl_348340)
Peter Payer: Luxus durch Technik Die Wiener Hotels als Pioniere und Innovatoren (1850 bis 1960). In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, Jg. 81/82 (2025/2026), S. 245-272.
Johannes Sachslehner: Wiener Hotels und ihre Geheimnisse. Fotos von Harald Jahn. Wien-Graz 2024.
Hilde Spiel: Rückkehr nach Wien. Ein Tagebuch. München 2024 (EA 1968).
Für Informationen und zur Verfügung gestellte Materialien bedanke ich mich bei Julia Eibensteiner, Dorothea Peter und Christoph Sonnlechner.











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