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Lisa Bolyos und Andrea Ruscher, 24.9.2026

Die Kapperle-Sammlung von Gerri Geiger

„Schützt!“

25 Jahre lang verkaufte Gerri Geiger den Augustin auf den Straßen Wiens, bis er im Jänner diesen Jahres verstarb. Seine Stammroute führte ihn durch Lokale am Gürtel. Bekanntheit erlangte er nicht zuletzt durch seine auffälligen Kopfbedeckungen. Dass er eine Sammlung mit über 2.000 Kappen aufgebaut hatte, wussten allerdings die wenigsten. Ein neues Buch stellt nun Gerri und seine „Kapperle“ vor. 

Andrea Ruscher

Lisa, du arbeitest seit vielen Jahren beim Augustin als Journalistin, hast Gerri Geiger gekannt und bist in der Produktion seines Buches, das nun posthum erscheint, involviert. Kannst du uns kurz über die Entstehung des Buches und deine Rolle dabei erzählen?

Lisa Boylos

Der Künstler Jürgen Glück hat Gerri Geiger beim Augustinverkauf kennengelernt. Irgendwann durfte er sich Gerris Kapperl-Sammlung anschauen und war davon sehr beeindruckt. Er konnte Gerri dafür gewinnen, ihn einen Ausschnitt von ein paar Hundert Kapperl fotografieren zu lassen, Jürgen wollte daraus ein Buch machen, mit dem Gerri zusätzlich Geld verdienen könnte. Das ist zu Gerris Lebenszeit zwar nicht gelungen, die Kapperl waren aber Teil einer Ausstellung im Ausstellungshaus Spoerri in Hadersdorf am Kamp. Nach Gerris Tod ist Jürgen Glück an den Augustin herangetreten, und wir haben entschieden, das Buch gemeinsam fertigzumachen. Statt Gerri persönlich kommt der Erlös jetzt dem Augustin und damit allen Augustinverkäufer:innen zugute.

AR

Seit wann sammelte Gerri Kapperl? 

LB

Genau kann ich diese Frage leider nicht beantworten. Gerri hat vom Jahr 2000 bis Ende 2025 den Augustin verkauft und hat währenddessen mit dem Kapperlsammeln begonnen. Zuerst war es ein Finden, das über die Zeit zum Sammeln wurde. Je bekannter seine Sammlertätigkeit, desto mehr Kapperl hat er auch geschenkt bekommen. So ist die Sammlung über die Jahre angewachsen und hat eine professionelle Systematik bekommen, inklusive einer Katalogisierung, die im Buch als Listen, aber auch als Nummerierung der Kapperl auf ihrer Innenseite zu sehen ist.

AR

Hat er neue Funde präsentiert und ausgetragen?

LB

Gerri hatte seine Lieblingskapperl, die er abwechselnd und anlassbezogen getragen hat. So hat die Sammlung durchaus mit ihm mitgelebt, aber ich würde nicht von »präsentieren und austragen« sprechen, eher von nutzen. Es gibt ein ziemlich beeindruckendes Fotoarchiv, das Gerri über mehrere Jahre während des Augustin-Verkaufs in den Wiener Gürtellokalen angelegt hat, und das nach wie vor auf seinem Flickr-Account unter dem vielsagenden Namen „hutgerhard“ abrufbar ist. Es ist eine Art „Seitenblicke von unten“, viele Menschen, die in den 2000er Jahren am Gürtel ausgegangen sind, finden sich hier wieder. Gerri selbst ist auch immer wieder auf den Fotos drauf, und da bin ich wieder bei deiner Frage: Fast immer trägt er ein anderes Kapperl. Er war schon ein sehr modebewusster Punk.

AR

Wie viel Stück fasst seine Sammlung?

LB

Ungefähr 2.000 Stück.

AR

Weißt du, woher seine Hingabe zu genau diesem Kleidungsstück gekommen ist?

LB

Jürgen Glück, der die Kapperl fotografiert hat, erzählt, dass Gerri auf die Frage, warum gerade Kopfbedeckungen, gesagt hat: „Schützt!“ Ich denke auch, dass das Kapperlsammeln insofern auf der Hand lag, als die Kapperl eben auf der Straße lagen. Und die Straße war der Ort, an dem Gerri sehr viel Zeit verbrachte. Zuerst war er über einige Zeit wohnungslos, später wurde die Straße oder der öffentliche Raum zu seinem Arbeitsort. Wenn man, so wie wir, über Monate an dem Kapperlbuch arbeitet, dann wird auch der eigene Blick plötzlich selektiv: Man sieht in der ganzen Stadt Kapperl herumliegen und ist ständig versucht, die Sammlung posthum zu erweitern.

AR

Was, denkst du, erzählt Gerris Sammlung über ihn und sein Leben in Wien?

LB

Ich finde, die „Sammlung Gerri Geiger“ ist eine ganz spezielle Sammlung von hohem kulturellem Wert. Warum? Gerri hat als Sammler viel Straßenerfahrung, und genau dort hat er eben auch gesammelt; er war stark armutsbetroffen, mit allen Konsequenzen inklusive seinem frühen Tod, und mit, trotz oder neben dieser Erfahrung der Armut hat er sich entschieden, eine Sammlung aufzubauen. Warum, darüber können wir nur spekulieren, aber es hat etwas zutiefst Beeindruckendes: aufheben, ordnen, bewahren, pflegen. Dann sind da natürlich die Objekte selbst, die mit ihren vielen Macharten, Herkünften, Beschriftungen jeweils Geschichten erzählen – globale, aber teils auch sehr lokale. Und die Sammlung sagt etwas über Gerris Netzwerk, das zur Sammlung beigetragen hat, und das unglaublich groß war. Wenn Gerri unter einem klassischen Armutsmerkmal sicher nicht gelitten hat, dann war es die Einsamkeit.

Ich glaube, dass man keine wienerischere Sammlung finden kann… Der Sammler – ein extravaganter Punk unter den Augustinverkäufer:innen; die Objekte – auf der Straße gefunden und immer mehr zum gemeinsamen Projekt von Gerris Community geworden; der Sammlungszeitraum – während dem Verkauf der Wiener Straßenzeitung. Wir dürfen aber nicht ausschließen, dass Gerri, könnte er das lesen, mit wegwerfender Handbewegung sagen würde: „Geh, Bledsinn!“

Das Buch „Kapperle. Die Sammlung Gerri Geiger“ erscheint im Mandelbaum Verlag und wird am 2. Oktober um 18:30 im Café Weidinger, Lerchenfelder Gürtel 1, 16. Bezirk, präsentiert

Es kann beim Augustin oder im Buchhandel erworben werden.

Lisa Bolyos ist Redakteurin bei der Wiener Straßenzeitung Augustin. Sie schreibt, kuratiert und arbeitet künstlerisch im erweiterten Festival- und Ausstellungskontext. Ihre Schwerpunkte liegen auf sozialen Bewegungen, Klima- und Landwirtschaftspolitik, Armut und Stadt, und feministischen Fragen aller Art. 

Andrea Ruscher ist Teil der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum. Sie studierte Globalgeschichte und war zuvor am Österreichischen Kulturforum Kairo und in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik tätig. 

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