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Peter Stuiber, 25.6.2026

Spiral Bike meets Schlurfs und Schlurfinnen

Beswingt am Fahrrad

Spiral Bike nennt sich ein Kunstprojekt mit Radtouren quer durch die Stadt. Für das neue Programm hat sich das Team rund um Conny Zenk von der Jugendkultur der Schlurfs und Schlurfinnen inspirieren lassen, die sich in der NS-Zeit widerständig verhielten und deshalb verfolgt wurden.

Wie bei vielen anderen Subkulturen war auch bei den Schlurfs und Schlurfinnen die Musik der Treibstoff: Jazz, insbesondere Swing begeisterte die tanzwütigen Jugendlichen, die tendenziell aus der Arbeiterschaft kamen, sich „amerikanisch“ kleideten, das Haar mit Brillantine nach hinten kämmten bzw. im Nacken stehen ließen und ihre Lässigkeit mit einem unverzichtbaren Accessoire zelebrierten: der Zigarette. Das bürgerliche Pendant dazu waren die sogenannten Swings. Die auch aus der Nachkriegszeit bekannten Schlurfs à la Qualtinger gelten als Nachfolger von den Schlurfs aus der NS-Zeit, wenn auch der Übergang zu den „Halbstarken“ ein fließender war.

Historische Forschung gibt es zu dem Thema – zumindest punktuell – seit Jahrzehnten. So hat der Historiker Anton Tantner bereits 1993 eine Diplomarbeit mit dem Titel „Schlurfs“. Annäherungen an einen subkulturellen Stil Wiener Arbeiterjugendlicher geschrieben. Von dieser grundlegenden Arbeit und dem 2007 erschienenen Film Im Swing gegen den Gleichschritt von Monica Ladurner und Wolfgang Beyer ist Conny Zenk seit langem begeistert. Anlässlich eines von der Stadt Wien ausgerufenen Calls für zeitgemäße Formen des Erinnerns bot es sich daher an, ein Radperformance-Projekt einzureichen, das sich auf die Spuren dieser Jugendkultur begibt, deren widerständiges Potenzial auslotet und sich davon inspirieren lässt. 

„Dass sich die Schlurfs und Schlurfinnen mit ihrem Stil, ihrer Musik, der Kleidung gegen das nationalsozialistische Regime gestellt haben, ist einfach bewundernswert! Wieviel Mut junge Leute haben, die sich in so einer Zeit öffentlich sichtbar gegen eine Ideologie positionieren“, so Zenk. Wobei ein genauerer Blick zeige, dass diese Art von Widerstand wenig mit jenem einer politisch einheitlich agierenden und organisierten Gruppe zu tun habe. Die Schlurfs und Schlurfinnen rebellierten mehr aus jugendlichem Freiheitsdrang heraus. Sie trafen sich in Tanzschulen, an geheimen Orten oder im Prater, um sich auszuleben. Sie wollten sich ihren Lebensstil nicht verbieten lassen. 

„Und sie wollten lauter sein! Die Schlurfs sind mit den Koffer-Grammofonen ins Stadionbad gegangen und haben dort auf drei Geräten die Platten möglichst zeitgleich abgespielt“, so die bildende Künstlerin und Bühnenbildnerin Eva Grün. Sie entwickelt gemeinsam mit dem Künstlerkollektiv grünerli eine Plakatreihe zum Thema, die aus dem Archivmaterial des Forschungsprojekts Resonanz & Widerstand: Dem Klang der Wiener Gegenkultur auf der Spur entstanden sind. Grün ist auch teil einer am 15. August stattfindenden Tour in Kooperation mit dem Artificial Museum, die neben Texten von Eva Schörkhuber, Anna Weidenholzer, Jopa Jotakin und Barbara Kadletz auch neue Kompositionen und Musik von Mario Bergamasco & Construction Choir Collective, Electric Indigo bieten wird. Grüns eigener Bezug zur Schlurf-Szene sind familiär: Ihre Urgroßtante war mit einem Schlurf liiert. Ihr eigener Punk-Hintergrund hat dazu ebenfalls gut gepasst. Bei Zenk wiederum war es die Techno-Szene mit ihren illegalen Raves, die an die Schlurf-Subkultur erinnert.

Eine bis heute ergiebige Quelle sind die Protokolle einer 1993 an der VHS Floridsdorf abgehaltenen Geschichtswerkstatt. Aus der Lektüre schließt Grün, dass es sich bei den Schlurfs um kleine Gruppen gehandelt hat, die sich mischten. „Es hat natürlich einen politischen Background gegeben. Aber man hat nicht zuviel gefragt, woher wer kommt.“ Nicht allzu viel über den anderen zu wissen, hatte auch eine Schutzfunktion innerhalb der Gruppe: Wurde man verhaftet und verhört, konnte man wenig verraten.

„Es kommen bei den Erzählungen aus der Geschichtswerkstatt oft Ringelspiele vor, denn dort gab es Grammophone, mit denen auch Jazz gespielt wurde. Es waren aber nicht nur Ringelspiele im Prater oder im Böhmischen Prater, sondern auch an anderen Orten der Stadt, etwa bei der Gumpendorfer Straße oder bei der Schweglerstraße. Wir versuchen jetzt herauszufinden, wer deren Besitzer waren“, erzählt Eva Grün. Nicht nur wichtige Schlurf-Locations wie das 2. Wiener Kaffeehaus im Prater oder der Sandleitenhof sollen nach und nach in einer interaktiven Map erfasst werden, so Conny Zenk. „Es gab auch kleinere Orte wie das Tonstudio Horak, im Keller eines Fahrradgeschäftes in der Laxenburger Straße. Dort wurde eine Schwarzpressung des Jazzmusikers Jeff Palme gemacht, der auch bei der Widerstandsbewegung 05 dabei war.“ 

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Als Kooperationspartner beim Projekt fungierten u.a. das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) und Wien Geschichte Wiki, in das viele der recherchierten Informationen nach und nach einfließen sollen. Die bisherige Schlurf-Forschung sei die Basis gewesen, doch „wir haben uns natürlich gefragt, wo waren in der Szene die FLINTA-Personen?“, so Conny Zenk. Dabei erwies sich die Forschung zum Thema Frauen als „Asoziale“ im Nationalsozialismus von Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr und Elke Rajal als hilfreiche Quelle. Darin erwähnt ist unter anderem Franziska Votypka, die die sich selbst als „Schlurfin“ bezeichnete. „Schon als Jugendliche wurde sie in die Anstalt „Am Spiegelgrund“ eingewiesen. Dann kam sie ins Lager Bischofsried, später ins KZ Ravensbrück – aber sie hat die Verfolgung überlebt.“ In Akten zu ihrem Fall, die derzeit von DÖW-Leiter Andreas Kranebitter aufgearbeitet werden, seien Schlurf-Lieder und Gedichte aufgetaucht, außerdem wisse man daraus, wie sich Votypka gekleidet hat, wenn sie ausging: Übergroßes „amerikanisches“ Sakko, hochgeschlossenes „amerikanisches“ Hemd, auffallende schmale gelbe Krawatte, Herrenhut. 

Das alles sind Fragmente, die sich mehr und mehr zum Bild einer von Lebensfreude und Widerstandskraft geprägten Szene verbinden, deren Impulse nun im Rahmen von Spiral Bike auf vielfältige Art aufgenommen werden. „Mit Fahrrädern, Chören, Soundbikes, DJ-Sets, Live-Musik und Textinterventionen befragt das Projekt historische Formen von Gegenkultur“, so Conny Zenk. „Und wir laden das Publikum ein, sich gemeinsam durch den Prater bis zur Donau treiben zu lassen: radelnd, hörend, singend, tanzend – als kollektive Praxis von Erinnerung, Aneignung und Widerstand.“

Termine

26. Juni 2026 – SPIRAL BIKE - Soundride of Resistance
Swing Bike Parcours, Performance, Konzerte

15. August 2026 – VIENNA SONIC MEMORIES
Exhibition, Augmented Reality, Concerts, DJs

28. August 2026 – SPIRAL BIKE - Soundride of Resistance
(Ersatztermin bei Schlechtwetter: 30. August 2026)
 

Mitwirkende: Electric Indigo, Mona Matbou Riahi, Mario Bergamasco & Construction Choir Collective, Jopa Jotakin, Anna Weidenholzer, Jopa Jotakin, Eva Schörkhuber, Barbara Kadletz, Laut Fragen, Billy Roisz, dieb13, Eva, Grün & grünerli, Vinylograph, Artificial Museum, ZAK – Zentrum für Antidisziplinäre Kunst, Artificial Museum, PAM! Soundsystem, u.v.m.

Detailinfos: https://radperformance.at/projekte

Buchtipp

Zum Thema ist vor kurzem auch eine Biographic Novel bei Edition Atelier erschienen (Text: Barbara Kadletz, Zeichnungen: Jorghi Poll). Schlurfkatzen erzählt die Geschichte der jazzbegeisterten Luise und ihrem Schlurf-Freundeskreis zwischen Lebenshunger und Verfolgung durch das NS-Regime. In den fiktiven Figuren des Buches spiegeln sich die Biografien historischer Persönlichkeiten wie Helmut Qualtinger, Erni Mangold, Ernst Jandl und Vera Auer.

Peter Stuiber studierte Geschichte und Germanistik, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum und ist redaktionsverantwortlich für das Wien Museum Magazin.

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