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Karina Karadensky, Christine Koblitz, Peter Stuiber, 2.12.2019

Street Art in Wien

„Wir wollten nicht nur die Big Names“

„Takeover“: Die druckfrische Publikation zum jüngsten Erfolgsprojekt des Wien Museums stellt die dabei entstandenen Street Art-Kunstwerke in den Mittelpunkt. Im Interview blicken die Kuratorinnen Karina Karadensky und Christine Koblitz auf die turbulente Entstehungszeit der Ausstellung zurück.

Peter Stuiber:

In der Takeover-Publikation werden rund 40 Street-Art Künstler_innen vorgestellt – jene, die in der Hall of Fame zu sehen waren. Wie kam es zu dieser Zahl und zu dieser Auswahl?

Christine Koblitz:

Am Anfang hatte ich die Idee, das ganze Haus mit Street Art zu bespielen. Das ist viel Fläche, da kann man auch viele Leute einladen und verschiedene Positionen zeigen. Letztlich haben wir uns aber auf zwei Stockwerke konzentriert. Und dann zunächst mal jene Protagonistinnen und Protagonisten aus der Szene eingeladen, mit denen wir unbedingt zusammenarbeiten wollten. Uns war auch wichtig, nicht nur die Big Names dabei zu haben.

Karina Karadensky:

Wir haben mit den Künstlerinnen und Künstlern ausverhandelt, wer welche Wand bekommt. Paul Busk hatte zum Beispiel die Idee, eine Wand zu durchbrechen, was nur an einer sehr prominenten Stelle möglich war. Sein Werk „Stencil“ wurde zu einer raumgreifenden Installation, die eine Bühne braucht.

PS

Wie sicher wart Ihr, dass das Konzept aufgeht?

CK:

Wir wussten es ehrlich gesagt nicht. Wir haben sehr viele Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern geführt und uns dann überlegt, wer würde zu wem passen, welche Bildsprachen könnte man kombinieren. In manchen Fällen hat´s dann bei der Umsetzung funktioniert, in anderen vielleicht nicht so ganz. Manche hatten konkrete Ideen, andere haben spontan bei der Entstehung auf den Raum reagiert, wie z.B. MALR, der die Toiletten nach und nach in eine Installation verwandelt hat, die einem Abbruchort sehr nahe kommt. Insofern war der Aufbau eine extrem spannende Phase.

PS

Gab es Entwurfsskizzen vorab?

KK

Das war eigentlich der Plan. Aber nicht alle Künstlerinnen und Künstler arbeiten auf diese Art und Weise. Einige haben uns einfach erzählt, was sie vorhatten. Wenn man die unterschiedlichen Stile kennt, weiß man auch, womit in etwa zu rechnen ist.  Nychos Arbeiten kennt man natürlich, aber wir wussten nicht, welches Sujet auf die lange Wand im Atrium kommt. Aber zumindest bei allen drei Murals auf der Außenfassade musste klar sein, was zu sehen sein wird. Und es stand fest, dass diese Arbeiten von Kollektiven und nicht von Einzelpersonen sein sollten.

PS

Was war denn die größte technische Herausforderung bei der Umsetzung?

KK

Die Abluftsituation. Denn die Lüftungsanlage im Museum war mit jener in den Büros verbunden. Solange diese noch nicht übersiedelt waren, konnte daher noch nichts gesprayt oder gemalt werden. Aber auch nach der Übersiedelung der Mitarbeiterbüros nach Meidling hatten wir Einschränkungen. Aufgrund der Belüftungssituation konnten nur drei Leute gleichzeitig sprayen. Daher sind einige auch auf Dispersionsfarbe umgestiegen.

CK

Es gibt im Museum keine Fenster, die man bei Bedarf einfach öffnen kann. Daher haben wir z.B. bei den Workshops mit Farben gearbeitet, die weniger gesundheitsbelastend sind. Letztlich war bei der Arbeit mit dem 60 Jahre alten Bau deutlich spürbar, wie sanierungsbedürftig er ist. Allein schon die Klimaanlage im Atrium wieder ins Laufen zu bringen, war eine Herausforderung.

PS

Nicht zu vergessen der Aspekt, dass der Bau unter Denkmalschutz steht.

KK

Wir dachten am Anfang, dass der Denkmalschutz das größte Problem sein würde. Aber das war er gar nicht. Denn diejenigen, die wir eingeladen haben mitzumachen, haben sich gegenüber dem Bau stets respektvoll verhalten. Wir haben immer klar kommuniziert, was geht – und was nicht. Letztlich war das gemeinsame Entwickeln des Projekts der entscheidende Punkt, der gegenseitiges Vertrauen aufgebaut hat. Und es stand ja genug Fläche zur Verfügung, auf der man sich austoben konnte.

PS

Es gab auch einen nicht-kuratierten Do-it-Yourself-Bereich. Wie seid Ihr damit umgegangen? Einfach abwarten, was passiert?

CK

Nein, denn wir wollten bei der Eröffnung keine komplett leeren Wände, aber noch genug freie Fläche für spätere Ergänzungen. Daher gab es vorab drei Termine für Malsessions. Dazu haben wir einen Aufruf an die Szene gestartet um auch diejenigen einzuladen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht in der Auswahl zur Hall-of-Fame waren. Wegen der DIY-Area sind auch Leute auf uns zugekommen, die wir vorher nicht gekannt haben. Viele waren froh, dass es diesen Platz gab. Und es hat sich auch etabliert, dass sich Leute extra dort zum Malen verabredet haben.

PS

Das Projekt Takeover ist unter großem Zeitdruck entstanden. Was denkt Ihr darüber aus heutiger Sicht?

KK

Takeover wäre anders geworden, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten. Es wäre ausstellungsmäßiger geworden. Wir hätten vielleicht etwas über die Geschichte von Graffiti und Street Art erzählt. Aber mit dem Zeitdruck war alles viel spontaner und direkter.

CK

Es war schon sehr anstrengend, aber es hat sich gelohnt.

PS

Gab's einen Moment, der Euch besonders in Erinnerung geblieben ist?

KK

Ich erinnere mich an einen Künstler, der anfangs nicht dabei sein wollte. Aber als er nach ein paar Wochen gesehen hat, was hier entsteht, hat er sich doch gemeldet und einen coolen Beitrag geleistet.

CK

Einen Street Artist haben wir angefragt, ob er dabei sein will, und er meinte ganz spontan: Bei dem Line-Up ist es eine Ehre, dabei zu sein. Da wusste ich, dass es funktioniert.

Die Publikation zum Projekt Takeover ist unter dem Titel „Takeover. Vienna Street Art Now“ im Verlag für moderne Kunst erschienen, kostet 27 Euro und ist im Online Shop und im Shop des Wien Museum MUSA erhältlich. Dort wird sie auch am 3. Dezember um 18.30 Uhr präsentiert.

Karina Karadensky ist seit 10 Jahren im Kulturbereich tätig; seit 2018 in der Abteilung Ausstellungsproduktion des Wien Museums und nun Teil des Projektteams Wien Museum Neu. Sie studierte Kunstgeschichte und English and American Studies an der Universität Wien und dem University College Dublin und absolvierte den /ecm-Masterlehrgang für Ausstellungstheorie & Praxis an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Christine Koblitz, Jus-Studium in Wien, 2003-2009 Kulturmanagerin mit Schwerpunkt Kabarett und Musik; seit 2010 am Wien Museum für Veranstaltungen verantwortlich, Co-Kuratorin mehrerer Begleitprogramme, seit 2016 Aufbau der Instagram-Präsenz. Interessen: Urban und Digital Arts.

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Arbeitete als Journalist, seit 2005 im Wien Museum, bis 2018 als Pressesprecher und im Bereich Marketing. Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte. Seit 2019 Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin.

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