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Christian Hlavac, 10.6.2026

Zum Bau des Kahlenberg-Restaurants in den 1930er Jahren

Prestigebau mit Panoramablick

Anstelle des aus der Weltausstellungszeit stammenden Kahlenberg-Hotels wurde in den 1930er-Jahren ein Restaurant in moderner Formensprache errichtet. Zahlreiche, zum Teil bisher unbekannte Aufnahmen vom Bau lassen uns in eine Zeit blicken, in der es in kurzen Abständen zu deutlichen politischen Umbrüchen in der Stadt Wien kam.

„Es hat wohl keinen Sinn von der großen historischen und gesellschaftlichen Vergangenheit des schönen Kahlenbergplateaus ein wehmütiges Liedl zu singen und darüber zu klagen, daß dieser einst so beliebte Hausberg der Wiener seit Jahren einen tiefen Dornröschenschlaf hält.“ Dieses Zitat stammt nicht – wie man zuerst vermuten würde – vom Beginn des 21. Jahrhunderts, sondern aus einem in der Tageszeitung „Das kleine Volksblatt“ im Juli 1933 erschienenen Beitrag über den Hausberg Wiens. Anlass waren die bereits zehn Monate zuvor von der sozialdemokratischen Wiener Landesregierung begonnenen Vorarbeiten für den Ausbau des Kahlenbergs „zu einer Art Semmering vor den Toren der Stadt“, wie damals eine andere Tageszeitung einen entsprechenden Beitrag betitelte. In einer diskret durchgeführten Transaktion hatte nämlich die „Sektion Wien der Fremdenverkehrskommission für Wien und Niederösterreich“ den größten Teil der Aktien der Kahlenberg Aktiengesellschaft (AG) erworben, welcher unter anderem das zwischen 1871 und 1873 errichtete Hotel am Kahlenberg gehörte. Die seit Mai 1873 bestehende Aktiengesellschaft hatte vor allem die Erschließung des Kahlenbergs und dessen Umgebung sowie den Betrieb des Hotels zur Aufgabe. Im Vorstand saß ab 1933 der ehemalige Wiener Finanzstadtrat Hugo Breitner.

Der Hotelkomplex am Kahlenberg wirkte zu jener Zeit nicht nur baufällig, sondern verfügte weder über einen Anschluss an Strom und Wasser noch über einen ausreichenden Straßenanschluss. Geplant war nun eine vom Nußdorfer Platz über die Trasse der einstigen Zahnradbahn führende „Betonstraße“ auf den Kahlenberg, der Umbau des alten Hotels in ein Restaurant sowie die Errichtung eines neuen Hotels und eines „Strandbades“. Gleichzeitig schrieb die Kahlenberg AG einen Architekturwettbewerb aus. Im April 1933 schloss das Preisgericht des Wettbewerbes „zur Aufschließung des Kahlenberges“ die erste Projektstufe ab: Von den eingereichten 148 Entwürfen wurden 15 Projekte prämiert. Den Wettbewerbsbestimmungen gemäß waren aus diesen preisgekrönten Arbeiten sechs Entwürfe für die zweite Stufe, den engeren Wettbewerb, auszuwählen. 

Am 6. Juli 1933 stand die Juryentscheidung zur Erlangung ausführungsreifer Projekte fest. An erste Stelle wurden zwei Einreichungen als gleichwertig gereiht; es waren die Entwürfe von Karl Witzmann/Otto Niedermoser und von Leopold Ponzen/Erich Boltenstern. Laut Wettbewerbsbestimmungen durften erst nach Beendigung des engeren Wettbewerbes alle Entwürfe öffentlich gezeigt werden. Die interessierte Bevölkerung hatte daher erst Mitte Juli 1933 die Möglichkeit, alle 148 Entwürfe sechs Tage lang im Wiener Messepalast anzusehen. Die Wiener Zeitungen und Fachjournale berichteten relativ ausführlich und wohlwollend über diese Präsentation und die Beiträge, doch rührte sich bei einigen Journalisten Unmut. Beispielsweise schrieb Paul A. Rares von der Zeitung „Der Wiener Tag“ von einer „toten Idee“. Was war geschehen? Die Projektanten hatten schon vor der Eröffnung der Ausstellung der Entwürfe erklärt, dass das Projekt vor allem aufgrund fehlender Finanzierung auf 1934 verschoben werden müsse.

Die politischen Vorzeichen änderten sich acht Monate nach der Präsentation aller eingereichten Projekte. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß setzte nämlich am 12. Februar 1934 eine neue Stadtregierung ein; die Ära des „Roten Wien“ unter der Führung der Sozialdemokraten war zu Ende gegangen. Der neue Bürgermeister Richard Schmitz präsentierte am 17. Mai 1934 bei der ersten Sitzung der „Wiener Bürgerschaft“ – wie der nicht gewählte Gemeinderat nun hieß – ein rasch zusammengestelltes Investitionsprogramm der Stadt Wien mit der Höhenstraße als wichtigsten Projekt. Spätestens im Herbst 1934 stand der Aus- und Umbau des Kahlenbergs durch die Kahlenberg AG – in deutlich reduzierter Form – wieder auf der politischen Agenda der Stadt, diesmal unter geänderten parteipolitischen Zeichen.

 

Am 1. Februar 1935 meldete die Tageszeitung „Telegraf“ in ihrer Nachtausgabe, dass – nach „Begutachtung des seinerzeit preisgekrönten Projekts des Architekten Boltenstern zum Neubau eines Restaurants“ durch die Stadträte ein endgültiger Plan zum Ausbau des Kahlenbergs vorliege. Es kam bei den Besprechungen „ziemlich einhellig die Meinung zum Ausdruck, daß der Plan in unveränderter Form durchgeführt werden soll“. Das zum Teil baufällige Hotel werde niedergerissen und auf dessen Fundamenten ein neues, moderne Restaurant errichtet. Auffällig ist, dass an dieser Stelle nur Erich Boltenstern (1896–1991) als Architekt genannt wird, nicht jedoch Leopold Ponzen (1892–1946). Beiden wurde einst am selben Tag (29. April 1930) die Befugnis eines Zivilarchitekten durch das Amt der Wiener Landesregierung erteilt. Ponzen hatte laut der Architekturhistorikerin Iris Meder beim Wettbewerb zunächst allein am Kahlenberg-Projekt gearbeitet, dann aber den mit einer besseren Büroinfrastruktur ausgestatteten Erich Boltenstern hinzugezogen. Unter Bürgermeister Richard Schmitz sollte hingegen Erich Boltenstern allein mit der Ausführung des Projekts betraut werden. Laut Meder wäre beiden Architekten klar gewesen, dass man Ponzen aufgrund seiner jüdischen Abstammung aus dem Projekt drängen wollte. 

Nachdem Boltenstern eine Mitbetrauung Ponzens beim Bauträger, der Kahlenberg AG, nicht hätte durchsetzen können, hätten beide eine inoffizielle, gleichberechtigte Mitarbeit bei anteiliger Bezahlung Ponzens beschlossen, um das Projekt nicht zu gefährden. Unklar bleibt, warum Leopold Ponzen Mitte März 1935 durch einen Anwalt eine Entgegnung an die Tageszeitung „Telegraf“ verfassen ließ. In dem abgedruckten Brief wird die Mitteilung, dass das seinerzeit preisgekrönte Projekt zum Neubau eines Restaurants auf dem Kahlenberg vom Architekten Boltenstern stamme, als unwahr bezeichnet. Wahr sei vielmehr, dass das seinerzeit preisgekrönte Projekt „von den Architekten Ponzen und Boltenstern herrührt.“

Unabhängig davon begannen im Frühling 1935 die Arbeiten am Kahlenberg. Die Pläne stammten nun offiziell von Erich Boltenstern und dem seit jenem Jahr bei Boltenstern arbeitenden Architekten Eugen Wachberger (1904–1971), da sich Ponzen anscheinend komplett zurückgezogen hatte. Anfang Mai waren das alte Hotel mit Restaurant zum größten Teil und die daneben befindliche ehemalige Villa Braun-Stammfest bereits völlig niedergerissen. 

Der Bau des neuen Restaurants erfolgte in zwei Bauetappen. Am Sonntag, den 22. Dezember 1935 fand die Eröffnung des östlichen Baukörpers statt, während am westlichen Teil bei laufendem Betrieb der ersten Restauranthälfte weitergebaut wurde. Die Gleichenfeier am zweiten Bauteil des Kahlenberg-Restaurants feierte man erst am 12. Mai 1936 in Anwesenheit von Bürgermeister Schmitz und dem Präsidenten der Kahlenberg AG, Robert Neumayr. Eine offizielle Eröffnung des zweiten Bauteils, der anscheinend durch den 1934 gegründeten Wiener Assanierungsfonds finanziert wurde, dürfte niemals erfolgt sein. Die Bauarbeiten endeten für die ausführende Baumeisterfirma höchstwahrscheinlich am 15. Juli 1936.

Jedenfalls ist dieses Datum auf einem außergewöhnlichen Fotoalbum vermerkt, dass nicht nur eine eigene Geschichte hat, sondern auch interessante Blicke auf das damals neue Restaurant am Kahlenberg ermöglicht.

Das aus Privatbesitz stammende, in Leder gebundene Fotoalbum mit den Außenmaßen 35 cm mal 25 cm enthält 33 dicke Kartonblätter. Auf diesen sind 66 großformatige Fotoabzüge aufgeklebt. Was die Fotos zeigen, ist auf einem Vorkartonblatt als Prägung angegeben: „Umbau des Kahlenberg Restaurant Wien, XIX. Bezirk. Baubeginn: 11. Juni 1935. Bau-Vollendung: 15. Juli 1936. Bauleitung: Ing. Robert Kelbl“. Im Gegensatz zur Angabe „Umbau“ handelte es sich in der Realität – wie durch die chronologisch gereihten Fotos ersichtlich wird – größtenteils um einen Neubau. Baurechtlich galt das neue Restaurant jedoch als Umbau, da vor allem aus Sparsamkeitsgründen bestehende Fundamente und Mauerkörper im Untergeschoß und Teile des Obergeschoßes (manche Außen- und Zwischenwände) wiederverwendet wurden.

Beim Durchblättern des Fotoalbums stellt sich die Frage, von wem die Bilder stammen. Manche von ihnen kommen einem bekannt vor: Sie tauchen in zeitgenössischen Zeitschriften und Zeitungen auf, andere kennt man aus lokalhistorischen Publikationen. Ein detaillierter Abgleich der Fotos mit Beständen von Archiven in Wien führt zu einem interessanten Ergebnis. Nur 16 Bilder sind in Archiven nachzuweisen. Drei stammen vom Wiener Fotografen Martin Gerlach jun. (1879–1944), dreizehn andere vom Wiener Fotografen Julius Scherb (1881–1965), die beide in den 1930er-Jahren im Bereich der Architekturfotografie einen guten Ruf hatten. Diese und ein paar weitere Albumbilder vom Neubau des Restaurants, die ziemlich sicher von einem der beiden Fotografen stammen, finden sich in Fachzeitschriften aus den Jahren 1935 und 1936. So druckte die Zeitschrift „Profil. Österreichische Monatsschrift für bildende Kunst“ im Septemberheft 1936 im Beitrag „Das Restaurant am Kahlenberg“ sieben Fotos ab, die auch im Fotoalbum enthalten sind und die alle von Julius Scherb stammen. Diese Tatsache ergibt sich aus einem weiteren Artikel über das Restaurant, der in der deutschen Zeitschrift „Moderne Bauformen“ erschien. Hier wurden mit der Angabe, dass alle „Lichtbilder des Gebäudes“ von J. Scherb stammen, acht Fotos abgedruckt, die sich auch im Fotoalbum finden.

Neben der Frage, welche Fotos von wem stammen, stellt sich eine zweite Frage: Wer ist der im Fotoalbum angegebene Ing. Robert Kelbl und was hatte er mit dem Bau des Kahlenberg-Restaurants zu tun? Die Suche in Primär- und Sekundärquellen fällt nicht sehr ausgiebig aus. Laut seinen eigenen Angaben aus dem Jahr 1938 wurde Robert Kelbl am 11. Juni 1882 in Wien geboren, studierte an der Technischen Hochschule in Wien und war von Beruf „Akad. Ingenieur“ (heute: Dipl.-Ing.). Zu seinen Tätigkeiten und zu seiner damals letzten beruflichen Stellung vermerkte er: „Bauleiter für Straßenbau, Eisenbahnbau, Hochbau[;] Werksdirektor i. Eisenbau u. Fahrbetriebsmittel[;] Technischer Referent der Wr Messe A. G.“. Dass er Bauleiter beim Um- bzw. Neubau des Kahlenberg-Restaurants gewesen ist, erfahren wir nur aus dem Fotoalbum. In welchem Auftrag Kelbl diese Funktion ausübte, bleibt unbekannt. 

Jedenfalls war er höchstwahrscheinlich kein Mitarbeiter der Kahlenberg AG oder des Wiener Stadtbauamtes, obwohl in zwei zeitgenössischen Artikeln angemerkt wird, dass die Kahlenberg AG dem Wiener Stadtbauamt die Leitung des Baues übertragen habe. Am ehesten dürfte Robert Kelbl selbstständiger Auftragnehmer der ausführenden Baumeisterfirma gewesen sein. Dass dies die im siebenten Wiener Gemeindebezirk ansässige Firma „Ing. Karl Stigler & Alois Rous, Nachfolger A. Bügler & F. Jakob, Stadtbaumeister“ war, erfahren wir aus zwei kurzen Anmerkungen in einer Tageszeitung und in einer Fachzeitschrift. Der seit 1928 verantwortliche Geschäftsführer Baumeister Franz Jakob war es auch, der bei der Gleichenfeier des Restaurants im Mai 1936 eine kurze Dankesrede halten durfte.

Zwei Jahre später, am 19. Mai 1938, füllte der damals stellungslose Robert Kelbl einen Fragebogen der „Auswanderungsabteilung der Fürsorge-Zentrale des Israelitischen Kultusgemeinde Wien“ aus. Ein Hinweis, ob und bei welcher Firma er zuletzt als technischer Mitarbeiter gearbeitet hat, fehlt in diesem Schriftstück. Der damals in der Hermanngasse (Neubau) wohnende Kelbl mosaischen Glaubens wollte nach England auswandern. Dass ihm dies nicht gelungen ist, zeigt sein weiteres Schicksal. Im Lehmannʼschen Adressbuch 1939 wird er letztmalig mit seiner Adresse in Neubau angeführt; ein Jahr später nicht mehr. 

Danach taucht sein Name „Kelbl Robert Israel“, der seiner Ehefrau Gertrud(e) Sara (geb. 17. Juli 1882) und der seines Sohnes Friedrich Israel (geb. 8. Dezember 1909) mit einer Adresse in der Schwertgasse (Innere Stadt) nur mehr in einer Transportliste auf. Diese stammt vom 14. September 1942. An diesem Tag ging zum neunten Mal ein Transportzug von Wien nach Weißrussland. Der Transport mit 992 Personen endete zwei Tage später in Maly Trostinec, wo alle am 18. September „entladen“ und noch am selben Tag ermordet wurden. Robert Kelbl war ein Opfer der Deportationen geworden. In seinem Fall endete das Leben in einem kleinen Kiefernwald nahe des SS-Gutes Maly Trostinec, einer ehemaligen Kolchose, zu der ab August 1942 ein eigenes Stichgleis führte. Im Wald wurden Kelbl sowie seine beiden Familienangehörigen entweder erschossen oder in einem von drei mobilen Wagen vergast und danach in einer von 34 riesigen Gruben verscharrt. 

Im Herbst/Winter 1943 grub ein Sonderkommando des NS-Reichssicherheitshauptamts alle Leichen aus, um das Ausmaß des Verbrechens vor der heranrückenden Roten Armee zu verschleiern. Anschließend verbrannte man die Leichen; das Gut Maly Trostinec wurde dem Erdboden gleich gemacht.

Die dritte Frage, die sich betreffend Fotoalbum stellt: Wer hat es herstellen lassen und zu welchem Zweck? Die wenigen Primär- und Sekundärquellen lassen vermuten, dass dieses gebundene Fotoalbum nur in sehr kleiner Auflage produziert wurde oder überhaupt einmalig ist. Jedenfalls konnte bisher ein weiteres Exemplar in Österreich nicht nachgewiesen werden. Aufgrund der Prägung am Vorblatt mit der Angabe zu den Baudaten und dem Bauleiter liegt die Vermutung nahe, dass dieses Album dem Bauleiter und/oder der Baufirma als Referenznachweis gedient haben wird. Es könnte daher zu Lebzeiten Kelbls in dessen Besitz, in jenem der Baufirma oder in jenem eines (potentiellen) Auftraggebers gewesen sein. Ab wann und wie das Fotoalbum im 20. Jahrhundert von einer Hand zur anderen ging, lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen.

Die vierte Frage: Was lässt sich aus den 66 Fotos des Albums herauslesen? Erstens eine chronologische Darstellung der Bauarbeiten, denn das erste Bild zeigt den alten Gebäudekomplex des Hotels mit seinem im Westen liegenden Restaurantflügel. Am zweiten Foto ist der Vorplatz der Kahlenbergkirche und der Nordwestflügel des von Karl Stuhl betriebenen „Café-Restaurant Kahlenberg“ zu sehen. Eine Tafel am Restaurant verweist auf Zukünftiges: „Die Stadt Wien schafft Arbeit! Bau der neuen Kaffee-Restauration der Kahlenberg A. G.“. Die folgenden Bilder geben Eindrücke vom Bestand kurz vor den ersten Bauarbeiten und von den im Frühling 1935 durchgeführten Abrissarbeiten. Dutzende Fotos zeigen, wo Bestand in den Neubau integriert und an welchen Stellen komplett neu aufgebaut wurde. Vier Aufnahmen sind dem Abriss der Villa Braun-Stammfest gewidmet. Das 32. Foto ist insofern bedeutend, als es auf der einen Seite den ersten fertigen Bauteil des Restaurants zeigt. Hunderte Gäste sitzen auf der Terrasse, während gleichzeitig dicht daneben Bauarbeiter Betonierungsarbeiten am zweiten Bauabschnitt vornehmen.

Die folgenden Aufnahmen geben uns ein Bild vom Baufortschritt bei eben diesem zweiten Bauabschnitt, wobei der Einsatz von Stahlbeton deutlich sichtbar wird. Außergewöhnlich für ein Fotoalbum sind die Detailaufnahmen, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nur für Fachleute interessiert waren und sind: beispielsweise Fotos der unter Verputz laufenden Leitungen und der Be- und Entlüftungsanlage. Die Bilder Nr. 41 bis Nr. 65 geben den fertigen Bau aus verschiedenen Richtungen wieder. Sie zeigen unter anderem den Haupteingang, die beiden Aufgänge zur Dachterrasse und die beiden Treppen zum Untergeschoß mit der Terrasse, auf welcher sich – wie ein Hinweisschild verrät – der „Schankgarten“ befand. 

Deutlich sichtbar werden anhand dieser Bilder auch die Veranda mit Glasschiebefenstern und der schon im Wettbewerb positiv hervorgehobene Aspekt der Einpassung des Baukörpers in das Gelände. So merkte der Architekt Hans Berger im Juli 1933 in der Tageszeitung „Neues Wiener Tagblatt“ an, dass „bei dem Projekt Ponzen-Boltenstern“ die „zahlreichen, teilweise gebogenen schmalen Terrassen angenehm auf[fallen], die an die Weingärten auf den Steilhängen der Wachau erinnern und sich ausgezeichnet in die Schichtung des Geländes fügen“. Der langestreckte, flache Baukörper mit einer Länge von 140 Metern, der durch einen deutlichen Knick dem Verlauf des Geländes folgt, wird heute noch in Beschreibungen hervorgehoben. Auf den zweiten Blick zeigen die Bilder des Fotoalbums auch den Kontrast zwischen dem Beton-Glas-Obergeschoß und den rustikalen Stützpfeilern des Untergeschoßes.

Der letzte thematische Block des Albums umfasst zahlreiche Innenaufnahmen der vier Speisesäle mit ihrem sparsamen Dekor und die Küche im Untergeschoß. Das letzte Foto ist der zeitliche „Gegenschuss“ zum Foto Nr. 1. Es zeigt von Süden das neue Restaurant und die dahinter aufragende Kirche. Zu jenem Zeitpunkt war die östlich anschließende Terrasse auf dem Grund der bereits abgerissenen Villa Braun-Stammfest noch nicht errichtet worden. Und auch das Anfang der 1960er-Jahre nach Plänen des Architekten Hermann Kutschera auf Teilen der östlichen Aussichtsterrasse errichtete Hotel (1991 stillgelegt) war klarerweise noch nicht zu sehen. Aber dies ist eine andere Geschichte …

Hinweis

Es ist nicht auszuschließen, dass das in diesem Beitrag vorgestellte Fotoalbum in der Zeit des Nationalsozialismus dem Besitzer bzw. der Besitzerin unrechtmäßig entzogen wurde. Sachdienliche Hinweise auf mögliche Erben von Dipl.-Ing. Robert Kelbl bitte an die Redaktion (magazin@wienmuseum.at). 

 

Literatur

Anonym: Die neue Gaststätte auf dem Kahlenberg. In: Moderne Bauformen. Monatshefte für Architektur und Raumkunst. 35 Jg., Heft 12 (Dezember 1936). Stuttgart, S. 681–691

Barton, Waltraud (Hrsg.): Maly Trostinec – Das Totenbuch. Den Toten ihren Namen geben. 2. Auflage. Wien/Ohlsdorf 2015

Meder, Iris: Semmering und Akropolis. Die Bebauung des Kahlenbergs. In: Moderat modern. Erich Boltenstern und die Baukultur nach 1945. Katalog zur Ausstellung im Wien Museum. Judith Eiblmayr und Iris Meder (Hrsg.). Salzburg 2005, S. 53–66

Starl, Timm: Lexikon zur Fotografie in Österreich 1839 bis 1945. Wien 2005

Tabor, Jan: Die Baukunst der unbegrenzten Kompromisse. Österreichische Architektur in der Zeit des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus. In: Architektur im 20. Jahrhundert. Österreich. Annette Becker, Dietmar Steiner und Wilfried Wang (Hrsg.). München 1995, S. 31–42

Weihsmann, Helmut: In Wien erbaut. Lexikon der Wiener Architekten und Architektinnen des 20. Jahrhunderts. Wien 2005

Winkler, Christian F. und Alfred Hengl: Vom Leopoldsberg zum Hermannskogel. Geschichte des Kahlengebirges. Erfurt 2007

 

Archive und Sammlungen

Datenbank zur Geschichte der Fotografie in Österreich 1839 bis 1945 (Herausgeber: Sammlungen Albertina)

Fotosammlung Wien Museum

Fotoarchiv Gerlach in der Fotosammlung des Wiener Stadt- und Landesarchivs

Zeitschriftenarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

www.lettertothestars.at (Herausgeber: Verein gestern für morgen – lernen aus der Zeitgeschichte)

 

Christian Hlavac studierte Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien und Architektur an der TU Wien. Er arbeitet als Landschafts- und Gartenhistoriker sowie als Publizist. Im September 2024 erschien sein neues Buch „Lilienfeld. Von weißen Mönchen und weißem Sport“ im Christian Brandstätter Verlag.

 

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