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Michaela Lindinger und Regina Karner, 24.9.2026

Farbenspiel – Mode aus vier Jahrhunderten

Farbe bekennen

Kleidung spricht, bevor wir es tun – durch Schnitt und Silhouette, Material und Textur. Vor allem aber durch Farbe. Sie wirkt auf unsere Sinne, signalisiert Zugehörigkeit und spiegelt gesellschaftliche Ordnungen. Ein Einblick in die neue Ausstellung „Farbenspiel“.

„Auf die Frage ‚Was bedeuten die Wörter ‚rot‘, ‚blau‘, ‚schwarz‘, ‚weiß‘?‘, können wir freilich gleich auf Dinge zeigen, die so gefärbt sind, – aber weiter geht unsre Fähigkeit die Bedeutungen dieser Worte zu erklären nicht!“

Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen über die Farben

„Something borrowed, something blue / Every me and every you“, heißt es im Song „Every You Every Me“ der britischen Band Placebo. Durch den Film „Cruel Intentions“ (Eiskalte Engel, 1999), der auf einer modernen Version des 18.-Jahrhundert-Klassikers „Gefährliche Liebschaften“ beruht, wurde der eingängige Ohrwurm auf der ganzen Welt bekannt. „Something blue“ bezieht sich auf einen Hochzeitsbrauch, wonach die Braut ein blaues Kleidungsstück am Körper tragen soll, sichtbar oder unsichtbar. Seit den Nachkriegsjahren ist dies im Allgemeinen ein hellblaues Strumpfband. Es handelt sich also um eine relativ junge Tradition, die nach 1945 aus den USA importiert worden ist. Die dem Brauch zugrundeliegende Idee dürfte etwa einhundert Jahre älter sein und aus dem viktorianischen England stammen: „Something Old, Something New, Something Borrowed, Something Blue“. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes und etwas Blaues – all dies muss zum Outfit der Braut gehören, sollen dem Ehepaar Glück und Wohlstand beschieden sein. Die Farbe Blau stand in diesem Kontext als Symbol für „typisch weibliche“ Attribute wie Treue, Tugendhaftigkeit und Reinheit. Beliebte Bühnenfiguren wie das unschuldige Gretchen, König Lears Lieblingstochter Cordelia, die entführte Pamina aus Mozarts Zauberflöte oder die tragische Gestalt der Iphigenie – oft gleichgesetzt mit der griechischen Göttin Artemis – traten im 19. Jahrhundert häufig in blauen Gewändern auf und folgten somit Goethes wirkmächtiger Farbenlehre.

In seinem 1810 erschienenen Werk Zur Farbenlehre kritisierte Johann Wolfgang von Goethe die vom englischen Mathematiker und Physiker Isaac Newton formulierte Theorie des Lichts aus dem Jahr 1704 (Opticks). In diesem grundlegenden Werk der Wissenschaftsgeschichte hatte Newton unter anderem erklärt, dass weißes Licht aus einem Spektrum verschiedener Farben bestehe. Der Wissenschaftler experimentierte mit Prismen und konnte zeigen, dass Licht in ein Spektrum von sieben Farben zerlegt werden kann, was zur modernen Vorstellung des Lichts als elektromagnetische Welle führte. Goethe polemisierte gegen diese bezeichnend aufklärerische, auf rein wissenschaftlich messbaren Daten aufbauende Theorie. Ihm war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Farbe mehr sei als eine bloße physikalische Erscheinung, mehr als ein Erzeugnis allein des Lichts. Goethe argumentierte, dass sich Farben ohne den Widerstand am Schwarzen nicht bilden und Charaktere nicht formen lassen. Jede Farbe entstehe als Produkt eines Wechselspiels zwischen Licht, Dunkelheit und dem menschlichen Auge. Er sprach von vier Ebenen der Farbwahrnehmung: der physiologischen, physischen, chemischen und moralischen Farbwahrnehmung. Die sittliche Wirkung der Farbe ist für ihn die Steigerung der sinnlichen Wahrnehmung. Auf diese Weise ergab sich ein neues Verständnis von Farbsymbolik, was einen erheblichen Einfluss auf Kunst, Philosophie und Psychologie ausüben sollte.

Physiker lehnten Goethes „unwissenschaftliche“ Ideen mehrheitlich ab, doch heute zeigen Ergebnisse der Neurowissenschaft, dass Farben nicht von allen Menschen gleich gesehen werden. Die Farbwahrnehmung hängt von physiologischen Prozessen, Lichtverhältnissen und den individuellen Erfahrungen ab. Auf diese Weise betrachtet, hatte Goethe mit seiner Betonung der persönlichen Wahrnehmung gegenüber der reinen Physik eine Auffassung vertreten, die bereits sehr modern anmutet. Von zentraler Bedeutung für die Farben von Kleidung war Goethes Vorstellung, dass jeder Farbe eine emotionale und symbolische Qualität innewohnt, eine Prämisse, die in der Kunst des 20. Jahrhunderts sowie in der Geistes- und Farbwissenschaft weiterentwickelt wurde. Es ist kein Zufall, dass sich Modeunternehmen viele Gedanken um einzelne Farbtöne machen. Farben sind mehr als ein dekoratives Element. Sie formen – wie bereits Goethe herausgefunden hat – nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern in weiterer Folge unser Verhalten, unsere Emotionen und Entscheidungen. Sie können über ihre ästhetische Funktion hinaus als durchsetzungsfähiges Kommunikationsmittel eingesetzt werden.

Ein beispielhafter Rundgang durch das Farbspektrum gibt Einblicke, über dein Einsatz und die Bedeutung von unterschiedlichen Farben über die Jahrhunderte hinweg.

Weiß

„Weiß“ – das ist das andere. Man verbindet es mit Leere und Licht, vielleicht auch mit Bedrohung, Unendlichkeit oder mit Erlösung. Man kann es nicht mischen und nicht aus etwas bereits Vorhandenem herstellen. Notwendig ist ein eigenes weißes Pigment. Fügt man etwas hinzu, verdunkelt sich das Weiß und wird irgendwann schwarz.

Dieses elegante Promenadenkleid entstand um 1905 im Wiener Atelier der Schwestern Flöge. Helene, Pauline und Emilie Flöge führten in der Mariahilfer Straße einen bekannten Modesalon (existent 1904–1938), wobei vor allem Emilie als Model und Aushängeschild des Unternehmens stadtbekannt war. Das gekonnte Übereinanderlegen von ecrufarbenem und schwarzem Tüll mit ecrufarbenem Musselin und Metallgespinst erzeugt bei diesem großen Abendkleid den besonderen silbrig schimmernden Farbton. 

Gelb

Sonne, Wärme, Leben! Oder doch nicht? Im europäischen Mittelalter stand Gelb für Verrat, Täuschung, Gift. Nur Hofnarren trugen diese grellen, als abschreckend empfundenen Farbtöne, die noch dazu schlecht haltbar waren. Erst in den 1920er Jahren wagten sich junge Frauen der Geburtsjahrgänge um 1900 in gelbe Strümpfe und gar gelbe Abendkleider. Für viele fällt Gelb noch heute in die Kategorie „modisches Wagnis“. 

Der gelbe Anzug von Licona spiegelt den Einfluss der Beatles und der Pop­Kultur der 1960er Jahre wider. Die Herrenmode wurde in dieser Zeit jünger und farbiger. Das Design ist unkonventionell, farblich auffällig und zeichnet sich durch einen diagonalen Sakkoverschluss aus.

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Rot

Rot gehört zu den ältesten Farben der Menschheit. Mehrere tausend Jahre alte Stoffreste aus Ägypten zeigen Rottöne, meist gefärbt mit Hämatit, den man auch als Blutstein oder Roteisenstein bezeichnet. Rot ist die erste Farbe, auf die Neugeborene reagieren. Der unübersehbare Farbton zieht den Blick im wahrsten Sinn des Wortes magisch an – in der Natur, in der Kunst und in der Kleidung.

Das changierende Schwarz-Rot dieses Reformkleids wird durch ein Mikropepita und dem matt glänzenden Effekt der Seidenoberfläche erzeugt. Kolo Moser (1868–1918) entwarf das Kleid für seine Schwester Leopoldine. Es entsprach der neuen Reformmode, die gegen Ende der 1890er Jahre einsetzte und gegen das Korsett auftrat. Namhafte Ärzt:innen und Künstler:innen beschäftigten sich mit der Reformierung der Frauenkleidung, einerseits in theoretischen Schriften und Publikationen, andererseits mit Entwürfen. Diese zeigen meist ein Hängerkleid, das von den Schultern lose in Falten gelegt herabfällt und sich sowohl der Figur als auch den Bewegungen der Trägerin unterzuordnen hat. Allerdings fand die kritische Auseinandersetzung mit der Frauenkleidung in Wien im Vergleich etwa zu Deutschland nur in bescheidenem Maße statt.

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Blau

Rund um den Globus ist Blau heute die beliebteste Kleiderfarbe. Dies geht in erster Linie auf ein blaues Kleidungsstück zurück, das sehr viele Menschen von klein auf im Schrank haben: Die Blue Jeans. Vorläufer dieser Hosen reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die mit Nieten besetzten und mit Indigo gefärbten blauen Modelle lösten schließlich die während des amerikanischen Goldrausches beliebten braunen Jeans ab. Der Begriff „Denim“ bezieht sich auf den ursprünglichen Herstellungsort des Baumwollstoffes, die französische Stadt Nîmes. Der Stoff wurde Serge de Nîmes genannt. Heute werden Jeans zwar in Dutzenden Farben und Waschungen angeboten, doch gehört der blaue Klassiker weiterhin zu den Verkaufsschlagern.

Ein besonders extravagantes Accessoire in der Farbe Blau stellt das Hut-Design der Wiener Modistin Adele List (1893–1983) dar. In Farben und Form ist der Hut vom alten Ägypten inspiriert. Extravagante Hüte waren Lists Markenzeichen, die türkisen Federn sind ein unverkennbares Beispiel dafür.

Grün

„Grün ist die Hoffnung“, lautet ein Sprichwort, das wohl aus dem Mittelalter stammt, aber auf die viel älteren, „grünen“ Maitraditionen der Fruchtbarkeitsfeste zum Frühlingsbeginn zurückgeht. Gerade im Mittelalter war es schwierig, eine leuchtend grüne Farbe herzustellen. Für die Mitglieder der Färberzünfte galten strenge Regeln: Wer mit Blau arbeitete, durfte kein Gelb mischen, was aber für die Produktion von Grün notwendig gewesen wäre. So blieb die Farbe selten, ihre Erzeugung war unzuverlässig und Grün wirkte etwas zwiespältig.

Die Kutscherbrille, auch Scheuklappenbrille genannt, mit grünen Gläsern als Schutz gegen die UV-Strahlung wurde bis ins 19. Jahrhundert von Kutschern verwendet. Die grüne Tönung galt als angenehm und wohltuend für die Augen. Diese Brille aus silberfarbenem Metall mit seitlichen Scharnieren hat zusätzlich noch ausklappbare Seitengläser, sogenannte Blendscheiben, gegen die Sonne. Solche Modelle erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit.

Schwarz

Schwarz macht alles ein bisschen kompliziert. Kaum eine Farbe ist so stark aufgeladen mit unterschiedlichen Bedeutungen: Würde, Macht, Enthaltsamkeit, Erkenntnis, Tod – und Stil. Schwarz ist der Ausdruck der Abwesenheit von Licht. Während sich der Sud aus Galläpfeln, versetzt mit Alaun, Nussschalen oder dunklen Beerenfrüchten als wenig zuverlässig zur Erzeugung von Schwarz erwies, gelang die heute übliche, satte schwarze Färbung von Stoffen erst im 19. Jahrhundert. Die Erfindung der künstlichen Farben machte schließlich jeden Ton möglich.

Der Designer und Kunsttherapeut Marcos Valenzuela wurde 2006 vom Life-Ball-Büro dazu eingeladen, ein Outfit für die Style Bible rund um das Thema Operette zu entwerfen. Für Valenzuela ist die Fledermaus eine dunkle Heldenfigur. Das ganz in Leder gearbeitete Stück mit einer Kaskade aus Silbernieten war das Highlight der Style Bible.

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Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus der Publikation „Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten“. Das Buch erscheint in deutscher und englischer Sprache bei Hirmer. Ab Ausstellungseröffnung wird es im Buchhandel sowie im Shop des Wien Museums erhältlich sein.

In der Ausstellung „Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten“ sind rund 350 Kleidungsstücke und Accessoires aus der Modesammlung des Wien Museums zu sehen. Sie läuft vom 1. Oktober 2026 bis zum 28. März 2027.

Michaela Lindinger, Kuratorin, Autorin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft, Ägyptologie und Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien. Seit 1995 kuratorische Assistentin, seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Ausstellungen und Publikationen zu biografischen und gesellschaftlichen Themen, Frauen- und Gender-Geschichte, Porträts, Wien-Geschichte, Tod und Memoria, Mode.
 

Regina Karner ist Modehistorikerin und war bis 2021 Leiterin der Modesammlung im Wien Museum. Forschungsschwerpunkte: Modegeschichte, Festkultur sowie Stadt- und Kulturgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.

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