Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Peter Stuiber und Werner Michael Schwarz, 6.2.2022

Zur Bilanz Karl Luegers

Kein Anwalt des „kleinen Mannes“

Dass Karl Lueger ein Populist und Antisemit war, bestreit kaum jemand. Doch zu seiner Verteidigung wird oft seine Bilanz als Bürgermeister ins Treffen geführt. Wie sah diese tatsächlich aus? Teil 2 eines Interviews mit Kurator Werner Michael Schwarz.

Peter Stuiber

Der Erfolg Karl Luegers verdankte sich nicht zuletzt einer lautstark inszenierten Opposition zu seinen liberalen Vorgängern in der Stadtregierung. Doch wie sah seine eigene Bilanz im Vergleich zu der seiner „Lieblingsgegner“ – der Liberalen – aus?

Werner Michael Schwarz

Ein Vergleich ist nicht einfach, weil die Ausgangsbedingungen und Umstände jeweils ganz verschieden sind und von vielen Faktoren abhängig sind. Wien war jedenfalls seit den späten 1850er-Jahren, seit der Errichtung der Ringstraße eine riesige Baustelle in vielfacher Beziehung. In diesen Jahren wurde die Gemeindeverwaltung unter liberalen Vorzeichen neu aufgestellt, die Bildungspolitik befand sich in einem enormen Umbruch, die Industrialisierung begann die Ökonomie grundlegend umzugestalten. Dazu kam der Ausbau des Eisenbahnnetzes, der Bahnhöfe und der innerstädtischen Verkehrsmittel, die Zeit- und Raumverhältnisse grundlegend verschoben, die große Zuwanderung, das Stadtwachstum, die Sprachenvielfalt und nicht zuletzt der Wettbewerb der großen Metropolen um wirtschaftliche Prosperität, Fortschrittlichkeit und internationales Ansehen. In der Stadt fanden in der liberalen Phase auch für heutige Maßstäbe gigantische Bauvorhaben statt, die von der Gemeinde entweder selbst durchgeführt oder mitadministriert wurden. Nimmt man die zehnjährige Amtszeit des liberalen Bürgermeisters Cajetan Felders, so fallen in diese Zeit die Donauregulierung, die Weltausstellung 1873, der Baubeginn des Wiener Rathauses, der Zentralfriedhof oder die erste Hochquellwasserleitung, die als sanitäts- und hygienepolitische „Revolution“ gilt, da erstmals für breitere Schichten sauberes Wasser direkt im Haus zur Verfügung stand, aber auch ausreichend Wasser, um das Kanalnetz zu schwemmen. In den ca. drei Jahrzehnten liberaler Stadtregierung verdoppelte sich die Bevölkerung von 900.000 auf ca. 1,8 Mio nach der Eingemeindung der Vororte. Es wurden ca. 200 Volksschulen und rund 50 Bürgerschulen errichtet. Nimmt man also die technisch-materiellen Umwälzungen als Maßstab, die in dieser Zeit der Metropolen jede Administration vor riesige Herausforderungen stellte, kann man den Liberalen sicher nicht Untätigkeit vorwerfen. Nimmt man aber als Maßstab soziale und politische Fairness oder gar das Glück der Menschen, dann zeigt sich ein völlig anderes Bild. Der Liberalismus bekannte sich zwar zu einem universalen Humanismus, trat für Freiheit, Aufklärung und Bildung ein, blieb aber im Vertrauen auf den Markt gegenüber den verheerenden Lebensumständen eines großen Teils der Bevölkerung fast vollständig desinteressiert. Das betraf die Arbeitsbedingungen, die von Kinderarbeit, mangelndem Arbeitsschutz und weitgehend ungeregelten Arbeitszeiten geprägt waren, die äußerst elende Wohnsituation, den mangelnden Zugang zu höherer Bildung und politischer Mitbestimmung.

PS

Wie lässt sich demgegenüber Luegers Amtszeit bilanzieren?

WMS

Legt man beide Maßstäbe an die Amtszeit Luegers an, dann zeigt sich kein sehr unterschiedliches Bild. Es gab auch in dieser Phase große technisch-materielle Umwälzungen, wie sie in den Metropolen davor und zeitgleich überall ähnlich stattfanden, wobei Lueger im Gegensatz zu seinen Vorgängern zu Gute kam, dass der Beginn seiner Amtszeit mit einer Phase wirtschaftlicher Hochkonjunktur zusammenfiel. Das erleichterte auch jene Politik, die den Kern für die Behauptung der großen kommunalpolitischen Leistungen in seiner Amtszeit bildete. Das betraf die Kommunalisierung wichtiger Teil der städtischen Infrastruktur, die Versorgung mit Gas und Elektrizität, den Ausbau und die Elektrifizierung des Straßenbahnnetzes oder die Errichtung der zweiten Hochquellwasserleitung. Die Idee der Kommunalisierung ging nicht, wie das manchmal in den Darstellungen den Anschein haben mag, von Wien aus, sondern war bereits in vielen europäischen Städten lange Zeit erprobt. Auch der Bau der ersten Hochquellwasserleitung 25 Jahre davor wurde als kommunales Projekt umgesetzt. Auch die Kommunalisierung der Gasversorgung, die im Wahlkampf Luegers eine zentrale Rolle gespielt und mit der er den Mythos vom Kampf gegen das internationale Finanzkapital begründet hatte, war bereits lange davor von den liberalen Stadtregierungen erwogen worden.

PS

Was bedeutete Kommunalisierung konkret?

WMS

Kommunalisierung wurde nicht, wie das im Begriff aus späteren Erfahrungen mitschwingen mag, als Wohlfahrtsleistung, sondern als städtische Dienstleitung konzipiert. Die Versorgungssicherheit sollte verbessert und im Fall des öffentlichen Verkehrs das Netz auch in Hinblick auf Stadterweiterungen ausgebaut werden, vor allem aber sollten die Einnahmen nicht einer privaten Firma, sondern dem städtischen Budget zufließen. Die Stadt trat so als Unternehmerin auf und investierte unter Aufnahme beträchtlicher Schulden mit der Erwartung auf hohe Gewinne. Die Kommunalisierung blieb so im Rahmen marktwirtschaftlichen Denkens und zielte nicht auf eine möglichst rasche und faire Versorgung der Bevölkerung. So wurden bis zur Errichtung des zweiten städtischen Gaswerks in Leopoldau 1911 auch nur die innerstädtischen Bezirke mit städtischem Gas versorgt. Das war auch bei der Versorgung mit Elektrizität der Fall, wodurch sich die Gegensätze zwischen den bürgerlichen und den proletarischen Vierteln der Stadt noch einmal dramatisch verschärften.1902 wurde die Innenstadt bereits von mehr als 213.000 Glühlampen erleuchtet, während in Simmering gerade einmal 343 gezählt wurden. Das literarische Bild von den „dunklen Vorstädten“, hatte so eine ganz konkrete Entsprechung in den Alltagserfahrungen.

PS

Er war also ebensowenig ein „Anwalt des kleinen Mannes“ wie seine populistischen und rechtsnationalen Nachfolger in unseren Tagen?

WMS

Bilanziert man die Amtszeit Luegers unter Aspekten der sozialen und politischen Teilhabe, dann zeigen sich keine großen Unterschiede gegenüber den liberalen Vorgängerregierungen, eher muss davon gesprochen werden, dass sich in seiner Zeit die sozialen Gegensätze noch weiter verschärften. Das betrifft vor allem die drängende Wohnungsfrage, bei der sich Wien auch im internationalen Vergleich als äußerst konservativ verhielt und jede Reform von der starken Position der Hausbesitzer blockiert wurde. Das gilt auch für die Bildungspolitik, soweit sie in die städtische Kompetenz fiel. So lagen die Schülerzahlen in den Volksschulen pro Klasse auch um 1910 nach wie vor bei knapp 50. Bildungsreformerische Ideen, die sich international, aber auch in Wien in dieser Zeit stark artikulierten und eine Schule forderten, die die Chancengleichheit erhöhen und die Selbsttätigkeit der SchülerInnen fördern sollte, fanden kaum Platz. Generell wird in der historischen Analyse der Amtszeit Luegers eine starke Spannung zwischen der Betonung moderner Technik einerseits und äußerst konservativen Gesellschafts- und Familienidealen andererseits betont, die stark patriarchale und autoritäre Züge trugen. In diese Richtung weist auch das beständige Sprechen von der „Vaterstadt“, oder den alten „Bräuchen und Sitten“ oder der Vorschlag des Stadtrates Felix Hraba, der für die ehrenamtlichen Armenräte, die über die Bedürftigkeit von Menschen zu entscheiden hatten, Uniformen und Peitschen forderte. 

PS

Als große Errungenschaften unter Lueger gelten doch auch das Versorgungsheim in Lainz oder der Beschluss für den Wald- und Wiesengürtel?

WMS

Das Versorgungsheim in Lainz (heute Geriatriezentrum am Wienerwald) war unbestritten ein fortschrittliches Projekt, das auch mit allen technischen Raffinessen der Zeit ausgestattet wurde. Aber man kann auch hier wieder einwenden, dass der damit begründete Mythos von der großen Fürsorglichkeit kaum den Fakten standhält. Erstens konnte für eine Stadt mit über zwei Millionen ein Versorgungsheim wohl kaum den Bedarf decken und zweitens wurde weitgehend verschwiegen, dass Lainz „nur“ der Ersatz für das 30 Jahre davor errichtete Versorgungsheim im 9. Bezirk war, das im Vergleich zur Einwohnerzahl über ähnlich viele Plätze verfügte hatte. Auch beim Wald- und Wiesengürtel muss man relativierend einwenden, dass die berühmte Rettung des Wienerwaldes vor Abholzung und Verbauung ja schon einige Jahrzehnte davor durch das Aufsehen erregende Engagement von Privatpersonen gelungen war und die Stadt diesen Status Quo 1905 nur in erster Linie gesetzlich festschrieb. 

PS

Lueger erweiterte den Kreis der Bevorzugten in der Stadt um seine Klientel und Wählerschaft, aber zu Lasten der Mehrheit der Bevölkerung?

WMS

Bei der Frage nach der sozialen und politischen Teilhabe lässt sich das gut vertreten, was eine Klientelpolitik im engeren Sinn des Wortes betrifft sind sich kritische Zeitgenossen und HistorikerInnen einig, dass sie vermutlich in einem großen Maßstab stattfand, also Parteigänger etwa durch öffentliche Aufträge belohnt wurden. John Boyer spricht von einem „Netzwerk aus Filz und Patronage“. Man weiß auch, dass Juden und Jüdinnen explizit bei Auftragsvergaben benachteiligt wurden. Darüber hinaus ist es allerdings anhand der Quellen relativ schwierig, dafür eindeutige Beweise zu finden. Evident ist allerdings, dass politische Gegner offen diskriminiert wurden. Das zeigte sich bei der Gruppe kritischer Junglehrer um den späteren sozialdemokratischen Bürgermeister Karl Seitz, die mit Disziplinarverfahren verfolgt wurden oder an einer Aussage Luegers, wonach Schönerianer und Sozialdemokraten keinen Platz auf den Gehaltslisten der Stadt verdienen würden.

PS

Wenn wir abschließend kurz zum Denkmal kommen: warum ließ die Sozialdemokratie die Errichtung des Lueger-Denkmals 1926 zu und warum würdigte Karl Seitz öffentlich seinen ehemaligen Kontrahenten?

WMS

Das ist eine sehr spannende Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Ursprünglich war das Denkmal für den Rathausplatz bestimmt, der ja schon während Luegers Amtszeit nach ihm benannt wurde. Ein auch für damalige Verhältnisse ungeheuerlicher Vorgang, da dieses Privileg ansonsten nur Mitgliedern des Herrscherhauses zustand. Die Aufstellung am heutigen Standort fiel 1926 in die wenigen Jahre der Ersten Republik, die ökonomisch und politisch vergleichsweise entspannt waren, also nach der großen Inflationskrise und noch vor dem Juli 1927, dem Brand des Justizpalastes und dem Massaker an den Demonstrierenden. Die Mitwirkung der Sozialdemokratie bei der Aufstellung des Denkmals kann vor dem Hintergrund dieser Entspannungsphase am ehesten mit einer Geste des Entgegenkommens erklärt werden. Hinzu kommt vermutlich, dass Lueger zwar ein erbitterter Gegner der Sozialdemokraten war, diese etwa auch 1894 als „Lumpen“ beschimpfte, was zu einer riesigen Welle der Empörung geführt hatte, das Rote Wien seiner Politik dennoch einiges zu verdanken hatte, allem voran die Kommunalisierung. Für die Sozialdemokratie wäre es nach 1919 vermutlich wesentlich schwerer gewesen, dieses Projekt politisch durchzusetzen. Nun konnten die kommunalen Dienstleistungen in Wohlfahrtsleistungen umgewandelt und die Tarife sozial gestaffelt werden. Für Karl Seitz mag es schließlich auch persönlich eine Genugtuung gewesen sein, sich gegenüber dem einstigen Gegner, der ihn politisch verfolgt hatte, als großzügig zu zeigen. Taktisch galt es aber bereits zeitgenössisch als großer Fehler, denn die Christlichsozialen nutzten die Einweihung des Denkmals zu einer Propagandaschlacht und brachten hunderttausende Anhänger aus ganz Österreich an diesem Tag auf den Wiener Ring. Damit machten sie erstmals seit Luegers Zeiten den Sozialdemokraten die Wiener Straße streitig. Die liberale Neue Freie Presse warnte bereits vor einem Bürgerkrieg.

PS

Im Zusammenhang mit den Überlegungen zu einem Abbau oder einer starken Veränderung des Denkmals wird von KritikerInnen oft vor einer „cancel culture“ gewarnt. Kann man das im Fall Luegers so behaupten?

WMS

Um das Andenken an Lueger allein im öffentlichen Raum in Wien zu „canceln“, müsste man allerdings sehr viel mehr tun als das zugegeben prominenteste Denkmal abzubauen oder umzugestalten. Denn es bleiben noch die Denkmäler am Cobenzl und im Krankenhaus Hietzing, die Reliefporträts am Siebenbrunnenplatz und auf der Schule in der Waltergasse im 4. Bezirk, der Obelisk am Mariahilfer Gürtel, die Gedenktafeln an der TU, in der Hamburgerstraße oder der Penzinger Straße. Auch ist eine Wientalbrücke im 14. Bezirk nach ihm benannt und schließlich ist Lueger mindestens in vier Kirchen auf Altarbildern oder Glasfenstern dargestellt, als Stifterfigur, frommer Büßer oder Sterbenskranker (Krankenhauskapelle Lainz, Versorgungsheimkirche Lainz, Kirche am Zentralfriedhof, ehemaliges Seehospiz in Rovinij). Nicht zuletzt ist auch seine Gruft in der Krypta der Kirche am Zentralfriedhof kein unprominenter Platz, wobei diese Ehrung einer Person gilt, die selbst von seinen Förderern und Anhängern aus dem katholischen Lager als nicht besonders fromm angesehen wurde.

Der Mythos um Lueger und seine bis heute andauernde Mythologisierung erzählt jedenfalls viel über die Geschichte der Stadt und gibt Stoff zur Reflexion grundlegender Fragen über Politik, Demokratie und nicht zuletzt über Formen von Wiener Mentalitäten. Wenn man aber auf einer öffentlichen Ehrung im konventionellen Sinn besteht, ehrt man eine tief antisemitische, ausgrenzende, unsoziale und undemokratische Politik und und die atemberaubende Selbstdarstellung eines Politikers.      

Teil 1 des Interviews mit Werner Michael Schwarz finden Sie hier

Weitere Beiträge im Rahmen unseres Lueger-Denkmal-Schwerpunkts:

Andreas Nierhaus: Christlichsozialer Personenkult im Roten Wien. Das Lueger-Denkmal von Josef Müllner

Andreas Nierhaus: Mischwesen, Helden, Machtmenschen. Der Bildhauer Josef Müllner

Literatur:

John W. Boyer: Karl Lueger (1844-1910): Christlichsoziale Politik als Beruf: Eine Biografie, Wien 2011.

Margaret Canovan: The people, Cambridge 2005.

Harald D. Gröller: Wechselwirkungen zwischen dem „ersten Beamten“ Kaiser Franz Joseph I. und dem „Volkskaiser“ Dr. Karl Lueger, in: zeitgeschichte 5/17.

Elisabeth Heimann: Die (Selbst-)Inszenierung Karl Luegers und die Rezeption nach 1910, Wien 2015.

Wolfgang Maderthaner: Von der Zeit um 1860 bis zum Jahr 1945, in: Peter Csendes, Ferdiand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Von 1790 bis zur Gegenwart, Wien 2006, S. 175-544.

Hella Pick: Lueger und Haider oder Die verführerische Kraft des Populismus, in: Hans-Henning Scharsach (Hg.): Haider, Reinbek bei Hamburg 2000, S. 270ff.

Maren Seliger, Karl Ucakar: Wien. Politische Geschichte, 2 Bde, Wien 1985.

Michael Wladika: Hitlers Vätergeneration: die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie, Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2005.

Bernd Zisser: Dr. Karl Lueger – ein früher österreichischer Populist, Dipl. Arbeit, Wien 2004.

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

Werner Michael Schwarz, Historiker, Kurator am Wien Museum. Publikationen, Ausstellungen und Lehre mit Schwerpunkt Stadt-, Medien- und Filmgeschichte. 

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Keine Kommentare