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Peter Stephan Jungk, 26.2.2026

Wiener Zeitfenster – Erinnerungen an Erwin Chargaff

Der fröhliche Pessimist

Erwin Chargaff leistete entscheidende Vorarbeit zur Erforschung der DNA, blieb als Biologe aber zeitlebens zutiefst skeptisch gegenüber den Naturwissenschaften. Zumindest einmal im Jahr besuchte der 1935 emigrierte Nobelpreis-Kandidat seine Heimatstadt Wien. Dann eröffnete sich ein Zeit-Raum, erfüllt von Sprache.

Erwin Chargaff, einer der bedeutendsten Molekularbiologen des 20. Jahrhunderts, versah seinen 1962 in New York erschienenen Essayband über Nukleinsäuren mit der Widmung „To the memory of my teacher, Karl Kraus“ und stiftete damit in Fachkreisen der chemischen Internationale erhebliche Verwirrung. Kaum jemand wusste, wer gemeint war; nur die Wenigsten kannten den Namen des Wiener Lyrikers, Satirikers, Dramatikers und Herausgebers der Fackel.    

In Czernowitz geboren, kam Chargaff als Neunjähriger, 1914, mit seinen Eltern nach Wien, wuchs hier auf und blieb von dieser Stadt nachhaltig geprägt. An kaum etwas hing er so sehr wie an der Gesamtausgabe der Werke Goethes, die ihm seine Mutter zum fünfzehnten Geburtstag schenkte – er bewahrte sie bis zu seinem Tod in seiner New Yorker Wohnung auf; das Leder war ein wenig brüchig geworden.

Ich hatte das Glück, ihn gut zu kennen. Er sagte von sich, er repräsentiere das altmodische Beispiel eines Gelehrten, der sich seiner wissenschaftlichen Fachrichtung nicht mit Leib und Seele verschrieben habe. Er sei kein wahrer Naturforscher, erklärte er jedem, zu dem er ein wenig Zutrauen gewann. Seiner Ansicht nach habe die Naturwissenschaft gerade jene Nabelschnur gekappt, die den Menschen früher mit der Natur verbunden habe. 

Das Studium der Chemie, an der Technischen Hochschule am Karlsplatz, suchte er sich als junger Mensch deshalb aus, erzählte Chargaff, weil man ihm, dem Musterschüler, diesen Gegenstand am Bundesgymnasium Wasagasse nicht beigebracht hatte; weil er neugierig war, unbekanntes Terrain zu erkunden. Er versuchte zunächst, beide Pole zu vereinen: Studierte sowohl Literatur als auch Chemie, bis er einsehen musste, dass er die Aufspaltung seiner Interessen, und das Hin- und Herspringen zwischen mehreren Universitätsgebäuden nicht länger durchstehen konnte.

Nach seiner Promotion zum Thema „Beiträge zur Kenntnis der Reaktionsfähigkeit des elementaren Jod“, im Jahr 1928, forschte Chargaff zunächst an der Yale University in New Haven. Er lebte und wirkte in der Folge in Berlin, nach Hitlers Machtübernahme in Paris und emigrierte schließlich 1935 nach New York, wo er für den Rest seiner Laufbahn der Columbia University eng verbunden blieb. Als Siebzigjähriger trat er 1975 als Träger der National Medal of Science in den Ruhestand. In der Folge besuchte er die Stadt seiner Kindheit und Jugend wenigstens ein Mal im Jahr, gemeinsam mit Vera, seiner sanften, klugen, ruhig-bestimmten Frau, geboren in Polen, die er bereits während des Studiums in Wien kennengelernt hatte: Sie blieben bis zu Veras Tod, 1995, ein Paar – siebenundsechzig Jahre lang. 

Vier Monate verbrachten sie jährlich in Europa, die meiste Zeit davon in Wien. Sie stiegen jeweils im 1. Bezirk, im Hotel ‚König von Ungarn‘, ab. Ich blicke insbesondere auf die Jahre 1980 bis 1988 zurück: Kam ich zu Besuch, wurde ich oft erst nach vier, nicht selten nach sechs Stunden wieder verabschiedet. Ein Zeit-Raum, erfüllt von Sprache. Von deutscher Muttersprache, wie sie zwischen den Weltkriegen geklungen haben muss, ein Wohlklang, eine Melodie, die zur kostbaren Ausnahme geworden ist. Die Sprache, sagte Chargaff, sei seine einzige Heimat. Daniel Kehlmann, der ihm recht oft begegnete, erinnert sich: „Sein wunderbares singendes Deutsch, das Deutsch aus Czernowitz, das er vielleicht als letzter Mensch auf der Welt gesprochen hat!“ 

Stets Pfeife rauchend, lächelnd, versprühte Chargaff Pessimismus: Man müsse ihm doch recht geben, beharrte er, dass alle großen Bewegungen der Geschichte, insbesondere jene seit der Französischen Revolution, zum Scheitern verurteilt gewesen seien. „Alles schiefgelaufen, bis zum heutigen Tag.“ Er wirkte störrisch, schelmisch und weichherzig zugleich. Ich wies auf gewisse Errungenschaften des Sozialismus hin, dies erregte nur sein mitleidvolles Augenspiel. 

Chargaffs betontes, selten abgeschwächtes Rechthaben-Wollen störte mich immer ein wenig, ich sagte ihm das auch, er ließ sich nicht beirren: „Ich bin ein Anhänger der Philosophie der Verzweiflung. Sie allein hat die Kraft, unter gewissen Umständen doch noch Veränderung einzuleiten. Man benötigt die scharfsinnigen Nörgler, es gab zu allen Zeiten viel zu wenige von ihnen, man benötigt die Steine des Anstoßes, die Propheten des Untergangs. Eine scheußliche Welt ist das, in der wir leben. Und sie wird noch scheußlicher werden. Zwar haben alte Menschen zu allen Zeiten gekeppelt, aber ich habe wahrscheinlich recht.“ (Er verwendete tatsächlich das so wienerische Wort Keppeln.) Er war ein zynischer, immer leise schmunzelnder Misanthrop, legierte Sarkasmus mit Galgenhumor; seine Hoffnung, die Menschen doch noch ändern zu können, waren lange schon geschwunden.

Sein Ausblick auf das dritte Jahrtausend hätte kaum düsterer ausfallen können: „Die immer bedrohlichere Arbeitslosigkeit wird zu schrecklichen Auswirkungen führen. Durch das stetige Nichtstun wird der Mensch in ein Stadium der Animalität zurücksinken, den Tag ähnlich den Enten und Schwänen, den Hunden und Katzen verbringen. Ohne Ziel. Ohne Aufgabe.“

Wir blieben zumeist nicht im Hotelzimmer oder in der Halle sitzen, spazierten Richtung Burggarten, oder Stadtpark, oder suchten eines der Lieblings-Cafés des Ehepaares auf, das Bräunerhof, das Prückel, das Hawelka.

Chargaffs Monologe entwarfen ein Bild, das sich von den Anfängen menschlicher Zivilisation bis zu neuesten, ihm unerträglichen Entwicklungen der Gentechnologie erstreckte. Ein beherrschendes Thema, zu dem er immer wieder zurückkehrte, variierte er dabei immer wieder neu: Die Spaltung des Atoms sowie die Aufklärung der Chemie der Vererbung, zwei sogenannte Fortschritte, die zu seinen Lebzeiten stattfanden, würden seiner Überzeugung nach das Gesicht der Erde in heute noch unvorstellbarem Maße verändern.

In beiden Fällen habe der Mensch einen Kern „misshandelt“: den Atomkern einerseits, den Zellkern anderseits. Und in beiden Fällen, sagte Chargaff, habe die Wissenschaft eine Schranke überschritten, die sie hätte scheuen sollen: „Die Majestät der biblischen Schöpfungsgeschichte des Buches Genesis ist durch eine Lebenserschaffungs-Technologie ersetzt worden. Sie wird aus kommenden Jahrhunderten wahrscheinlich einen Albtraum machen, von dem sich heute niemand, auch ich nicht!, etwas träumen lässt.“ Kaum auszuhalten der Gedanke, dass man mit Hilfe der Genmanipulation in Zukunft Seelen werde herstellen können, am Fließband, wie ein Automobil.

Das Bemerkenswerte an seiner Angst: Er selbst war es, der die wichtigste Vorarbeit zur Entdeckung der Doppelhelix-Struktur der DNS, der Desoxyribonukleinsäure, geleistet hat. Chargaff war sich seiner „Schuld“, seinem Mitmischen in der Teufelsküche, durchaus bewusst: Er hatte mit seinen sogenannten Chargaff-Regeln einen entscheidenden Schlüssel zum Verständnis der DNA-Struktur erkannt, eine Beobachtung, welche die Doppelhelix überhaupt erst denkbar machte. Dennoch blieb Chargaff im Schatten jener, die seine Ergebnisse theoretisch verwerteten: James Watson und Francis Crick erhielten für das Strukturmodell der DNA den Nobelpreis – ohne Chargaff je angemessen zu würdigen oder ihm gar öffentlich zu danken. Er selbst wurde trotz seiner grundlegenden Erkenntnisse nie mit dem Nobelpreis bedacht. Wohl nicht zuletzt aus dieser ihn quälenden Enttäuschung heraus, so vermute ich, wandelte er sich von einem Saulus in einen Paulus, in einen der vehementesten Kritiker der Naturwissenschaft und ihrer Priesterkaste.

Seine ungemein lesenswerte Autobiografie „Das Feuer des Heraklit“, oder die umfangreichen Essaysammlungen, darunter „Warnungstafeln“, „Kritik der Zukunft“, „Unbegreifliches Geheimnis“, legen davon Zeugnis ab – und haben eines gemeinsam: Es sind moderne Moralpredigten, Appelle an die Menschheit, sich Zeit zu nehmen, wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen nicht sogleich anzuwenden, sie vielmehr ruhen zu lassen, bis man mit dem absolut Neuen sicher umgehen könne. Er sagte: „Von Julius Cäsars bis Napoleons Zeiten hat sich die Reisedauer zwischen Rom und Paris kaum verändert, heute erscheinen selbst Jetflugzeuge vielen als zu langsam. Es gibt eine menschliche Geschwindigkeit – und die haben wir längst überschritten.“ 

Vera meinte dann, etwas schüchtern, ihr Mann klinge nicht selten wie ein religiöser Fundamentalist. Das störte ihn keineswegs: Er glaube zwar nicht, sagte er, dass die Erde vor sechstausend Jahren erschaffen wurde, er habe auch im ganzen Leben noch nie eine Synagoge betreten, aber er sei nicht unbedingt Darwinist: „Ich könnte mir plötzliche Sprünge, punktuelle Mutationen in der Evolution durchaus vorstellen.“ Er trat sogar für eine Korrektur, wenn nicht gar Widerlegung Darwins ein, dessen Evolutionstheorie ihn an andere typische Großkonzepte des neunzehnten Jahrhunderts erinnerte, an Wagners Gesamtkunstwerk etwa oder Karl Marx‘ ‚Das Kapital‘. „Man hat damals Weltdeutungssysteme erdacht, die alles für immer erklären sollten.“ 

Inmitten der von Chargaff entworfenen Schattenlandschaft blitzte immer wieder sein Humor auf, wurden Bonmots und Karl-Kraus-Sätze zitiert, oder Figuren der Weltliteratur analysiert, karikiert, in Erinnerung gerufen. Auffallend war sein Interesse an den Lebensumständen seiner Freunde und engen Bekannten. Kein Detail, das ihm zu unwichtig, keine biografische Einzelheit, die ihm zu ephemer erschien. Nachdem er mich ins Schwarze Kameel zum Mittagessen eingeladen hatte, fragte er sich und mich: „Wovon lebt ein junger Mensch heute? Wie viele Stunden muss er oder sie arbeiten? Kann ein freier Schriftsteller das Existenzminimum verdienen?“ Schon immer habe er eine „Kulturgeschichte des Portemonnaies“ verfassen wollen, betonte er, von den Anfängen der Geschichte bis heute: „Wie und wovon haben die Menschen ihr finanzielles Dasein gefristet?“

Chargaff interessierte sich vehement für das Kino, liebte die Marx Brothers und Jacques Tati, ebenso die Filme Alain Tanners, Éric Rohmers, Claude Gorettas, Carlos Sauras. Gemeinsam  sahen wir im Wiener Metro-Kino Wim Wenders‘ ‚Paris. Texas‘. Vera schlief während der Vorstellung immer wieder ein, ihr Mann hingegen schien wie elektrisiert. Sprach noch Monate später von der Peepshow-Szene und Nastassja Kinskis bezaubernder Schönheit. 

Je älter das Ehepaar Chargaff wurde, desto bestimmter ihr Wunsch, New York zu verlassen, den Lebensabend in Wien zu verbringen, ein halbes Jahrhundert nach ihrer Auswanderung aus Europa. Sie waren in Sorge, mit zunehmendem Alter nicht mehr so ohne Weiteres reisen zu können. Sie wollten in jene Stadt zurückziehen, in der Vera als Kind mit Trotzkis Söhnen gespielt, zugleich aber auch an den Ort, wo Erwin seine Mutter als Dreißigjähriger zum letzten Mal gesehen hatte; nach dem Anschluss wurde sie deportiert, die Wohnung der Eltern geplündert. Im Rückblick erachtete er die Donaumetropole dennoch als seine „Heimatstadt“. Er schrieb: „Jedenfalls ist es Wien, wo mein Vater begraben liegt, und aus Wien haben sie meine Mutter weggeschleppt.“ Sein Vater hatte das „Glück“, bereits 1934 zu sterben.

Die neue Wohnung müsse sehr groß sein, ließen mich Chargaffs wissen, sonst könnten sie ihre Büchersammlung – Erwin nannte sie seine „Bücher-Sintflut“ – nicht unterbringen. Auf kein Exemplar gedachte er zu verzichten. Fäden wurden gezogen, die österreichische Bundesregierung sollte dazu bewogen werden, dem Ehepaar bei der Auffindung der idealen Wohnstätte und bei der aufwändigen Übersiedlung zur Seite zu stehen. 

Vor allem Roland Kronigl-Kollowrath, damaliger Verlagsleiter bei ÖBV-Klett-Cotta, der Erwin Chargaffs Werke betreute, setzte sich für seinen „väterlichen Freund“ unermüdlich ein. Kronigl, ein Wiener Original, humorvoll, bissig, durchtrieben, ich mochte ihn nicht, aber das führt hier zu weit, kannte aus seiner früheren Tätigkeit für Bundeskanzler Bruno Kreisky nahezu die gesamte Riege der österreichischen Politik. Über Jahre hinweg wandte er sich immer wieder an die jeweils amtierenden Unterrichts- und Kulturminister, um sie auf Chargaffs wissenschaftliche Bedeutung aufmerksam zu machen und Unterstützung für ihn zu erwirken. Sein beharrliches Wirken war enorm, blieb jedoch letztlich ohne den erhofften Erfolg: Der Staat Österreich konnte die Wohnung weder finden noch finanzieren. Und als Vera 1995 verstarb, gab Erwin Chargaff den Plan endgültig auf. 

Ich erinnere mich an eines unserer letzten Gespräche, es fand telefonisch statt. Ich gratulierte Chargaff zu seinem 96. Geburtstag, bedauerte, ihn nicht besuchen zu können, er weilte in Altaussee, ich in Upstate New York.

„Ich hoffe, wir sehen einander bald“, rief ich.
„Ja, im Himmel!“, antwortete er.
„Ich bitte Sie, Chargaff (wir blieben bis zum Schluss per-Sie), sprechen Sie nicht so.“
„Gut“, gab er seufzend nach, ließ Sekunden verstreichen: „Also dann: In der Hölle!“

Ich habe ihn nicht wiedergesehen.
Er starb ein knappes Jahr später.

 

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Peter Stephan Jungk ist Autor von Romanen, Biografien und Drehbüchern, Übersetzer von Theaterstücken sowie Regisseur von Dokumentarfilmen. Zuletzt erschien bei S. Fischer sein Buch Marktgeflüster – Eine verborgene Heimat in Paris“www.peterstephanjungk.com ​​​​​​​

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