
Gert Voss am Dach des Burgtheaters, 2006, Foto: Martin Vukovits
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Wiener Zeitfenster – Erinnerungen an Gert Voss
Ein König mit vielen Kronen
Ein halbes Jahr, nachdem Claus Peymann die Direktion des Burgtheaters übernommen hatte, setzte er, nach zwei Neuinszenierungen von Stücken Thomas Bernhards und Wiederaufnahmen seiner älteren Bochumer Produktionen, Shakespeares ‚Richard III.‘ auf den Spielplan. In der Titelrolle: Der deutsche Schauspieler Gert Voss. Die Kritiker und Kritikerinnen im In- und Ausland überschlugen sich im Februar 1987 mit Lobeshymnen. Selten, womöglich nie zuvor, hatte man einen ähnlich erschreckenden, beeindruckenden Richard in Wien erlebt. Sein Debut interessierte meine damalige Freundin, die Theateraufführungen in der Regel mied: Sie interessierte sich viel mehr für das Kino, für die Fotografie. Doch die nicht enden wollenden Elogen für den von Peymann nach Wien gelockten Voss hatten ihr Interesse geweckt.
Wir saßen im Parkett, sehr nahe der Bühne. Bald vierzig Jahre sind vergangen, aber ich erinnere mich an den elektrisierenden Effekt, den das Spiel dieses uns bis dahin unbekannten Mimen auslöste. Mit seinem hässlichen Haarschnitt, bucklicht, hinkend, mit zwei Stöcken jäh, spinnen-ähnlich über das schiefe Bühnenbild huschend, beherrschte er den Raum; ein menschgewordener Teufel, der sich die Welt Untertan zu machen versucht. Meine Freundin war von Voss so sehr angetan, dass sie der Redaktion des Magazins der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für das sie damals als freie Mitarbeiterin tätig war, bereits am nächsten Tag vorschlug, ein Voss-Porträt zu fotografieren. Man gab ihr freie Hand, sollte sie es schaffen, den Theaterstar zu Aufnahmen zu überreden. Er galt als schwierig, gar unnahbar.
Ich bat einen guten Bekannten, den damaligen Generalsekretär der Österreichischen Bundestheater, um Hilfe. „Absolut kein Problem!“, rief Robert Jungbluth ins Telefon, „ich kümmere mich.“ Damals griff noch, wer eine rasche Antwort benötigte, zum Apparat, SMS und E-Mail gab es nicht. Der Kulturmanager meldete sich bereits achtundvierzig Stunden später zurück, Voss erwarte uns nach der nächsten ‚Richard‘-Vorstellung in seiner Garderobe. Wie sehr ich es seit meiner Kindheit liebe, hinter die Bühne zu gehen, Schauspieler und Schauspielerinnen nach einer Vorstellung zu besuchen! Nervös warteten wir den Schlussapplaus im Foyer ab, bevor wir den Bühneneingang aufsuchten, der Portier war benachrichtigt worden, er zeigte uns den Weg zu Gert Voss` Garderobe. Lange standen wir dort vor der Tür. Plötzlich tauchte er auf, mitsamt den Gehstöcken, er grüßte nicht. Als er in der Garderobe verschwand, sah ich eine Frau drinnen sitzen, sie umarmte ihn, er schloss die Tür. Fünfzehn, womöglich zwanzig Minuten vergingen, da erst ging die Tür endlich wieder auf. Die sympathische Dame stellte sich uns als Ursula Voss vor, ließ uns wissen, sie besuche jede Vorstellung ihres Mannes, seitdem die beiden ein Paar seien, seit seinen Engagements in München, Stuttgart und Bochum. Sie bat uns, einzutreten; Gert Voss erhob sich von seinem Sessel neben dem großen Schminkspiegel. Es war Freundschaft auf den ersten Blick.
Seine Neugierde war grenzenlos. „Wer seid Ihr? Wie lange kennt Ihr Euch? Wo kommt Ihr her? Ihr seid doch keine echten Wiener, oder? Wirklich? Ihr kennt Luc Bondy?“ Schon im Verlauf dieser ersten Begegnung, in der Garderobe, wurde beschlossen: Die aufwändige Fotostrecke für das FAZ-Magazin sollte in den weitläufigen Werkstätten der Bundestheater entstehen, auf dem Areal des Arsenals im dritten Bezirk. Dort befanden sich damals große Teile des Kostüm- und Kulissenfundus der Staatsoper und des Burgtheaters, eine Location, von der man als Fotografin nur träumen konnte.
Ich litt damals wie heute an einem Zustand, den man im 21. Jahrhundert als Fomo bezeichnet, als Fear of missing out, der Angst, etwas Besonderes zu versäumen. Also drängte ich mich auf, wollte, nein, musste bei den Aufnahmen dabei sein, genoss jede Minute der stundenlangen Arbeit zwischen Gert Voss, der Fotografin und ihrem Assistenten. In Anlehnung an das berühmte Shakespeare-Zitat aus ‚Richard III.‘, dem Todesangst-Aufschrei des verruchten englischen Königs, von Feinden umzingelt, „Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!“, nachdem sein Ross auf dem Schlachtfeld von Bosworth getötet wird, schlug Voss vor, ein lebensgroßes, metallenes Reittier auf Rädern aus dem Fundus hervorzuzerren, samt ledernen Zügeln.
Er genoss es ungemein, vor der Kamera zu stehen, das war nicht zu übersehen – er legte sich ins Zeug, als gehe es um einen Spielfilm. Während das Licht für die jeweils nächste Situation aufgebaut wurde, erzählte er mir bereits Elemente seiner Lebensgeschichte. Ich erfuhr von den frühen Kindheitsjahren: Geboren in Shanghai, als Sohn eines deutschen Kaufmannes und seiner Frau, kam er als Siebenjähriger in das vom Krieg gezeichnete Deutschland, wo die Familie sich niederließ. Die ersten Bilder, Gerüche, Mahlzeiten hatten mit seiner frühen Kindheit in China zu tun. Mit dem Haus, in dem er mit seinem Bruder und den Eltern lebte, mit dem Hauspersonal und seiner Liebe zur chinesischen Musik. Die Jugendjahre und sein Hass auf alle Schulen, die er besuchte, die frühen Schritte in die Schauspielkunst, die ersten Engagements und Misserfolge, spätere Triumphgefühle in Stuttgart und Bochum, all das war hier gleich zu Beginn – inmitten der Hallen des Arsenals - Thema biografischer Schilderungen. Ich sah wie gebannt in seine strahlend blauen Augen, fragte mehr und immer mehr – und Voss gab preis, unterhielt, begeisterte mich.

Er lud uns bald nach dieser Session zu sich nach Hause ein, lebte damals mit Uschi und der gemeinsamen Tochter Grischka in Salmannsdorf, in den Weinbergen, in einer großzügigen, gemieteten Villa. Zu unseren Füßen das Lichtermeer der Stadt. Gert liebte es, zu kochen, bereitete an diesem Abend ein hervorragendes Thaigericht zu. Uschi hatte Gert kennengelernt, als sie sechzehn war, mit zwanzig heiratete sie den sechs Jahre Älteren. Sie sagte uns, eine seiner weiteren Leidenschaften gelte der Gartenarbeit – die guten Tomaten, die wir aßen, stammten aus Eigenanbau. Auch die Blumen, die überall im Haus in hohen Vasen steckten, waren von Gert im großen Garten angepflanzt worden. Der Hausherr gab Anekdoten aus seinem Leben preis, verführte uns zu wildem Lachen: Er war ein fabelhafter Menschenimitator. Verfiel in den Duktus, den Akzent und die Sprachmelodie der Nachgeahmten: Seiner Kollegen am Burgtheater, vor allem aber seiner Lieblingsregisseure Peter Zadek, Claus Peymann, Luc Bondy, George Tabori.
Während unserer späteren Begegnungen wollte Gert sehr genau wissen, was mich umtrieb. Ich recherchierte in den 1980er Jahren, bald nach dem Erscheinen meiner Biografie über Franz Werfel, das Leben Walt Disneys, überlegte damals, ein Theaterstück über den legendären Zeichenfilmproduzenten und Studioboss zu schreiben. Für Gert wäre es eine Traumrolle gewesen, denn Disney war sein Idol. Er ermutigte mich wiederholt, das Stück zu beginnen: „Als Bub habe ich unermüdlich Trickfilmstreifen gezeichnet und meiner Familie vorgeführt, wobei ich auch alle Geräusche imitierte, den Wind, das Gewitter, das Dröhnen der Flugzeugpropeller, das Brüllen der Löwen.“ Er zeigte mir die langen, breiten Papierstreifen, auf denen Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe, Elefantenherden und Außerirdische zu erkennen waren, ein wildes Kunterbunt. Trotz zahlreicher Übersiedlungen waren diese Arbeiten nie verloren gegangen, wurden immer und überallhin mitgenommen, bis an sein Lebensende.
Gert reagierte enttäuscht, als ich den Disney-Stoff zunächst liegen ließ, um ihn einige Jahre später in einen Roman zu verwandeln. ‚Der König von Amerika‘, meine fiktive Walt-Biografie, erschien 2001, zeitgleich zu dessen 100. Geburtstag. Als Voss Ende 2013 erfuhr, dass Philip Glass basierend auf meinem Roman die Oper ‚The Perfect American‘ in Madrid und im Folgejahr in London zur Aufführung brachte, freute er sich: „So wurde aus deiner Theaterstück-Idee ein Roman und aus dem Roman eine Oper, das ist wirklich wunderbar!“
Dem Film galt Gert Voss` heimliche Liebe. Vielleicht nicht gar so heimlich, denn er hoffte immer, in großen Spielfilmen besetzt zu werden. Es geschah nur selten. Steven Spielberg hatte ihm eine Rolle in ‚Schindler’s List‘ angeboten, doch sie erschien ihm zu klein, er lehnte sie ab. Axel Corti besetze ihn für die Fernseh-Mehrteiler-Adaption von Joseph Roths ‚Radetzkymarsch‘. Er spielte neben Max von Sydow und Charlotte Rampling den Grafen Chojnicki. Sein Englisch sei nicht gut genug, sicherlich sei dies ein Hauptgrund seiner Nichtbesetzung in internationalen Filmproduktionen, vermutete er – wohl nicht zu Unrecht. Ein österreichischer Spielfilm, in dem er die Hauptrolle spielte und den er gelungen fand, war 1995 ‚Der Kopf des Mohren‘, von Paulus Manker, nach einem Drehbuch von Michael Haneke.
Er beherrschte ganze Filmdialoge der Cinemageschichte auswendig; ich erinnere mich, dass er mir einmal einen Monolog von Marlon Brando aus ‚On the Waterfront‘ vorspielte, wenn auch nur in der deutschen Synchronversion. Besonders mochte er Schwarzweißfilme aus Hollywoods Glanzzeit, die ihn bereits in seiner Kindheit fasziniert hatten. „Schreib doch ein Drehbuch für mich!“, bat Gert mehrmals, er bedauerte sehr, dass es nie geschah.
In den 1990er Jahren unterhielt ich eine monatliche Kolumne für die Schweizer Kunstzeitschrift DU, nannte sie ‚Im Kino mit…‘ und lud die unterschiedlichsten Gesprächspartner und -partnerinnen ein, mit mir Filme zu sehen und anschließend darüber zu sprechen. Mit Voss sah ich im Tuchlauben-Kino Volker Schlöndorffs ‚Der Unhold‘. John Malkovich gab die Titelrolle des jungen, naiven Automechanikers Abel Tiffauges, der in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät und durch eine Kette von Zufällen zum ‚Burschen für Alles‘ in der NS-Erziehungsanstalt Kaltenborn avanciert. Gert ließ kein gutes Haar an der Darbietung seines Kollegen: „Diese schreckliche Mimerei. Malkovich hat Tiffauges gespielt, statt Tiffauges zu sein. Das ist eben die Kunst des Castings, jemanden zu finden, dem man Glauben schenken kann: Von den Augen, vom Gestus, von der Sprache her. Kennst du Bernhard Wickis Kriegsfilm ‚Die Brücke‘? Das ist ein Film über die Nazizeit, in dem alles, aber auch wirklich jede Minute überzeugt.“
Jahre später kamen wir wenigstens doch noch beruflich zusammen. Luc Bondy und ich hatten über Monate hinweg Molières ‚Tartuffe‘ neu übersetzt, verwandelten die Komödie aus dem 17. Jahrhundert in eine durchwegs behende, zeitgenössische Sprache. Wir legten buchstäblich jedes Wort, jeden Satz, jeden Dialog auf die Goldwaage, es war ein wunderbares Zusammenspiel mit Luc, dem engen Freund vieler Jahrzehnte. Bondy brachte das Stück im Frühjahr 2013 im Akademietheater zur Aufführung, im Rahmen der Wiener Festwochen, siedelte ‚Tartuffe‘ - unserer Übersetzung verpflichtet - in der heutigen Zeit an. Gert gab den Orgon, Joachim Meyerhoff den religiösen Heuchler Tartuffe, Orgons Ehefrau wurde von Johanna Wokalek gespielt. Sogar die Nebenrollen der Zofe Dorine oder des Gerichtsvollziehers Loyal waren mit Edith Clever und Klaus Pohl hochkarätig besetzt, Orgons Mutter mit Gertraud Jesserer.
„Schön und seltsam, meinen, unseren Text von der Bühne herab zu hören“, notierte ich nach der Premiere im Tagebuch. Während wir übersetzten, hatten Luc und ich Gert als betrogenen Großbürger immer vor dem inneren Auge gesehen, glaubten seinen Tonfall zu hören, seine Gestik zu erahnen, zu wissen, wie er das von uns Erarbeitete artikulieren würde. „Ich habe die Fassung ‚verGertisiert‘ und mich in ihn hineingelebt“, hat Luc Gerts Tochter Grischka gegenüber erwähnt. Es sollte Gerts letzte Bühnenarbeit sein. Er starb ein Jahr später an einer seltenen Leukämieerkrankung.
Hochsommer 2026: Ich treffe Grischka Voss, Schauspielerin, Autorin und Regisseurin, im Wiener Café Rüdigerhof. Sie spricht von der grenzenlosen Symbiose ihrer Eltern: „Ihre Beziehung war so absolut symbiotisch“, sagt sie, „das können Außenstehende kaum nachvollziehen. Meine Mutter starb nur viereinhalb Monate nach Gert an einer schweren Gehirnentzündung, die mit einer massiven Hirnblutung ihr Leben beendete. Ja, es stimmt: Meine Mutter war bei jeder Probe, bei jeder Vorstellung dabei. Permanent. Ausnahmslos.“ Gert sei vom Urteil seiner Frau abhängig gewesen, bat sie nach jeder Aufführung um ihre Kritik. Sie war von 1987 bis 1991 Dramaturgin bei George Tabori im ‚Theater Der Kreis‘ und übernahm in späteren Jahren, am Burgtheater, in Produktionen mit ihrem Mann, stets die Dramaturgie.
„Mein Vater wäre ohne die Hilfe meiner Mutter nie der geworden, der er war“, glaubt Grischka. „Zum Beispiel hat sie ja auch alle Recherchen für ihn gemacht, die er im Vorfeld zur Erarbeitung einer Rolle benötigte. Und hat ihn vor denen, die ihm zu nahe kamen, abgeschirmt. Sie hat sich ihm mit Freude untergeordnet, für mein Gefühl allerdings etwas zu sehr.“ Grischka erzählt, dass sie selbst als junge Frau den Wunsch hegte, Filmschauspielerin zu werden. Wie habe denn ihr Vater auf diese Idee seiner einzigen Tochter reagiert, will ich wissen. „Seine Antwort“, sagt sie, „überraschte und enttäuschte mich: ‚Du bist doch für diesen Beruf viel zu sensibel!‘“
Außerdem von Peter Stephan Jungk:
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